Das Tor zur neuen Kommunikation: Kann ein inszenierter Dialog authentisch sein?
Das Integral hat zusammen mit finearts für den führenden Industriegas-Hersteller Linde Group eine Konzeptstudie entwickelt, wie die Energiewende hin zu einer Wasserstoff-Gesellschaft gesellschaftlich zur Diskussion gestellt werden kann. Dabei stellen sich grundsätzliche Fragen: Wie authentisch kann ein inszenierter Dialog sein? Und kann ein echter Dialog im Marketing überhaupt eine Rolle spielen? Besonders Innovation wird von Unternehmen zunehmend als kokreativer Prozess angesehen. Man erkennt, dass größere Innovationsprozesse nur im fach- und branchenübergreifenden Dialog in Gang gesetzt werden können. Einzelne Firmen haben aus sich selbst heraus nicht genügend Kraft und Kompetenz, um Veränderungen anzuschieben, von der die gesamte Gesellschaft betroffen ist. Umso wichtiger ist es, Partner aus allen gesellschaftlichen Bereichen zu finden, die im Diskurs zu Lösungen, Überzeugungen und Übereinkünften kommen. weiter ... Moderne Unternehmenskommunikation kann diesem Dialog einen Ort stiften, an dem er sich entfalten und entwickeln kann. Hier geraten allerdings moderne Kommunikationskonzepte in Konflikt mit herkömmlichen Vorstellungen von Marketing. Die Unternehmen müssen sich von vorgefertigten werblichen Aussagen lösen und zu einer authentischen Dialogbereitschaft kommen.
Ist ein solches Umdenken möglich? Werfen wir einen Blick auf das Beispiel Linde Group, die als weltgrößter Gashersteller im Bereich der Energiewirtschaft wertvolle Potenziale für sich und die Umwelt sieht. Eine kurze Marktbeschreibung: Am 5. Dezember 2007 kostet das Barrel Rohöl (WTI) 88,68 Dollar. Im November 2007 war es bereits auf über 99 Dollar geklettert. Obwohl die Stimmen aus der Ölindustrie nicht müde werden zu betonen, dass dieser hohe Preis nur durch Spekulation bedingt sei, mehren sich gleichzeitig die Nachrichten, dass der depletion midpoint, zu dem die Hälfte aller Ölvorräte verbraucht sind, in den nächsten Jahren erreicht und der Ölpreis kontinuierlich steigen wird. Für die wirtschaftliche Entwicklung sind das besorgniserregende Nachrichten. Für den Verbraucher stellt sich angesichts des permanent und dramatisch steigenden Ölpreises die Frage, ob dieser Punkt nicht längst erreicht ist.
Parallel zur immer aufwändigeren Ölgewinnung nimmt der weltweite Energiebedarf rasant zu. Die erstaunlichen Wachstumsraten in den Schwellenländern mit ihren riesigen Bevölkerungszahlen sprechen für sich. Unter dem Einfluss einer derart steigenden Nachfrage ist zu vermuten, dass der Preis mittelfristig nicht wieder sinken wird.
Aber es ist nicht allein die Sorge um den zur Neige gehenden Rohstoff, welche die Diskussion um eine Energiewende anheizt. Längst ist der Klimawandel zur Chefsache avanciert und jedes Kind weiß, dass die fossilen Brennstoffe zu den Hauptverantwortlichen für die Emission des Treibhausgases CO2 zählen. Entsprechend wird nach alternativen Konzepten gesucht, um Energie zu erzeugen, zu speichern und zu transportieren.
Einige der diskutierten Konzepte beziehen sich auf Wasserstoff als hocheffizienten Energieträger. Wer in die oft hitzige Energie-Debatte hineinhört, wird hierzu sehr kontroverse Positionen finden. Wenn der charismatische Gouverneur von Kalifornien, Arnold Schwarzenegger, seinen Hydrogen-Highway einweiht, auf dem Fahrzeuge über tausende Meilen mit Wasserstoff versorgt werden können, klingt es ein wenig so, als wäre das Emissionsproblem bereits gelöst. Kritiker der Wasserstoffwirtschaft verweisen darauf, dass weiterhin eine Vielzahl von Gefahren besteht und andere Energieträger möglicherweise viel sinnvoller sind.
Nun, wir als Büro für Inszenierung und Kommunikation können uns sicher kein abschließendes Urteil über das sinnvollste Energiekonzept der Zukunft bilden. Was aber klar ist: Der Dialog über dieses Thema muss intensiviert werden. Nur wenn die Kontroverse immer wieder alle Positionen abbildet, werden Probleme benannt und dadurch mögliche Lösungen gefunden. Um einen so grundlegenden Innovationsprozess in Gang zu setzen, müssen Architekten, Ingenieure, Investmentbanker, Marketingstrategen, Politiker, Unternehmer und viele weitere Berufsgruppen gemeinsam nach Problemen und Antworten suchen. Die Diskussion erfordert gesellschaftliche Breite und Kontinuität.
Recherchiert man die Orte, an denen dieser Diskurs heute tatsächlich stattfindet, kommt man schnell zu wenig attraktiven Spezialistenmessen, die fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit wenig Wirkung erzielen. Da fast ausschließlich erklärte Fachleute miteinander sprechen, verbleibt das Thema in diesen geschlossenen Zirkeln. Ein fachübergreifender Prozess kommt kaum in Gang.
Die Linde Group ist heute einer der größten Anbieter für Wasserstoff und den dazugehörigen Anlagenbau. Nun hat das Integral in seinem Kommunikationskonzept „dialogue condensation“ vorgeschlagen, dem Diskurs einen attraktiven Raum zu stiften. Die Visualisierung zeigt, wie riesige Wassertropfen einer H2-Zukunftsvision in der Stadt kondensieren und dabei Räume bilden, in denen die Energiewende diskutiert werden kann. Als symbolischen Auftakt für diese weltweite Dialogtournee wurde die Automobilmesse IAA in Frankfurt gewählt, weil dies die mediale Multiplikation vervielfacht. Die Medien als Ort des Innovationsdiskurses sind eine der wichtigsten Flächen überhaupt.
Um die Attraktivität der Tropfenräume für Publikum, Prominenz und Spezialisten der unterschiedlichsten Fächer zu steigern, schlagen wir vor, sowohl einfache Ausstellungen, Bars, Gala-Veranstaltungen und thematisch bezogenes Showtheater als auch Symposien zu integrieren.
Hier kommt man zu grundsätzlichen Überlegungen. Will man einen tatsächlichen Diskurs initiieren, der kreative Kräfte aus den unterschiedlichsten Bereichen integriert, muss es sich um einen echten Dialog handeln. Es muss der Verdacht vermieden werden, es handele sich um eine reine Marketingveranstaltung, der man aus Erfahrung Unaufrichtigkeit in der Dialogintention unterstellt. Die Teilnehmer sollten sich also eingeladen fühlen, ihre wirklichen Meinungen einzubringen, auch wenn es sich um kontroverse Positionen handelt. Sie sollten eine Garantie haben, dass diese Meinungen Raum bekommen und nicht unter den Teppich gekehrt werden. Nur so lassen sich weitere Personenkreise für einen grundsätzlichen Dialog und neue Personenkreise für das eigene Anliegen gewinnen. Verfolgt man diesen Gedanken konsequent, müsste man besonderen Wert darauf legen, dass gerade Opponenten der eigenen Position anwesend sind und ausreichend Gehör finden. Sie sind mit ihren Meinungen der nachvollziehbarste Beweis dafür, dass ein echtes Gespräch stattfindet.
Der herkömmliche Marketingverantwortliche wird an dieser Stelle allerdings ein sehr ungutes Gefühl bekommen. Denn die eigenen Positionen werden plötzlich nicht mehr werbegemäß als unwidersprochenes Diktum in Szene gesetzt. Vielmehr werden Widersacher eingeladen, sich mit ihren Meinungen zu integrieren. Mit der Position des Unternehmens wird also gleichzeitig möglichen Gegenpositionen eine Artikulationsfläche geboten. Führt man diese Kritik zu Ende, lautet sie so: Der Marketingetat eines Unternehmens wird dazu genutzt, Gegnern der eigenen Strategien Gehör zu verschaffen.
Kann das Marketing sein? Kann damit der werblichen Glaubwürdigkeitskrise begegnet werden? Kann diese neuartige Offenheit ein Vertrauen herstellen, das vom klassischen Marketing nie erreicht wird? Ist damit das Tor zu einer neuen Kommunikation geöffnet oder handelt es sich um einen Auswuchs einer übertriebenen Transparenz-Diskussion? Könnte man diesen Ansatz auf weitere Bereiche der Unternehmenskommunikation übertragen? Müsste demnach in den transparenten Geschäftsberichten der Zukunft den Kritikern des Unternehmens Raum für ihre Bedenken gegeben werden?
Kurzum: Erkennen Sie das Diskurspotenzial in diesem Gedanken?
Labels: Thema

2 Kommentare:
Also, wenn ich es richtig verstehe, ist der Diskurs über die Nützlichkeit von Wasserstoff-Energie auf dem Niveau von Fachwissenden zu führen. In diesem Sinne kann ich hier das Diskurspotential sicher nicht im Geringsten richtig einschätzen.
In diesem Sinne verstehe ich auf Tropfenebene (ein schönes Bild) nicht wirklich, mit wem Sie dann eigentlich kommunizieren wollen. Die PR, um die es doch auch Ihnen letztlich geht, kann hier doch nur aus einer Vermittlung des offen geführten Diskurses unter Fachleuten bestehen, oder?
Zur Frage der Diskursoffenheit: Es ist (wie ja der Tenor Ihres gesamten Konzeptes) ein interessantes Vorhaben. Ich erkenne eine sehr sinnvolle und nur konsequente Fusion aus basis-orientiertem, anti-hierarchischem Organisationsprinzip mit einem ethischen Denken von Kommunikation (›im Angesicht des Anderen‹). Wow.
Aber deshalb zündet natürlich vor allem Ihre Frage: »Wie authentisch kann ein inszenierter Dialog sein?« Die aber noch weiter gedacht werden müsste: Wie authentisch kann ein Dialog überhaupt, und erst recht: Wie authentisch kann ein mediatisierter Dialog sein, um den es sich hier ja auch handelt, wie Sie explizit betonen. Das betrifft nämlich Ihre Forderung nach einem Dialog, die den Anderen in seiner Andersheit anerkennt. Das ist eine Frage der Haltung, und Ihre ist da sicher richtig; aber ich weiß nicht, wie konsequent man sie umsetzen kann. Ich bin ziemlich unsicher, wie gut eine Kommunikation im Angesicht des Anderen funktioniert der ja dann im Medium wohnt (ein Derrida'sches fantôme nämlich).
Die Frage der Inszeniertheit (also: Theatralität?) bricht sich aber vor allem an den vielen »muss« und »soll« Ihrer Überlegungen:
...»Es muss der Verdacht vermieden werden, es handele sich um eine reine Marketingveranstaltung …. Die Teilnehmer sollten sich also eingeladen fühlen, ihre wirklichen Meinungen einzubringen… Nur so lassen sich … neue Personenkreise für das eigene Anliegen gewinnen. … müsste man besonderen Wert darauf legen, dass gerade Opponenten der eigenen Position anwesend sind… der nachvollziehbarste Beweis dafür, dass ein echtes Gespräch stattfindet.«
Ich will das nicht weiter strapazieren, aber ist es nicht richtig, dass die Glaubwürdigkeit dieser CI wüchse, je mehr Kontrahenten sich zu Wort melden? Ich sehe Sie bei so einem Konzept wie Wasserstoffenergie (oder einem noch besseren) ehrlich gesagt schon beim verzweifelten Anwerben von Gegenstimmen, damit das Bild passt.
Und noch eins: Jenes »Showtheater«, das ich im Text entdeckt habe: Wie frei dürften die wohl arbeiten? Wer bestimmt über den Geschmack? Also, wenn Sie sich da echt glaubwürdige, echt interessante und am besten echt provokative (und natürlich echt freie nicht-Hape-Kerkeling-) Künstler anlacht – das fände ich u.U. echt mutig und überzeugend.
Schließlich: Wenn der Diskurs, den der Konzern selbst angeregt (besser & ehrlicher gesagt: unterstützt, nicht-blockiert), ergäbe, dass Wasserstoffenergie überhaupt nicht klimafreundlich ist – dann hätte er sofort die Gelegenheit umzuschwenken. So könnte sich Linde Group gleichzeitig beliebt machen und zu einer schnelleren Forschung beitragen. Das ist wirklich toll. Dafür kriegt man den Alternativen Nobelpreis. – Wenn das wirklich so funktioniert. Denn was macht dann Linde Group mit den schweineteuren Maschinen und Fabriken, in die sie, wenn man Pech hat, bereits längst investiert hat?
Insgesamt: Eine echt spannendes Konzept, Hut ab. Ich wünsche viel Erfolg!
(PS: Was wäre, wenn ich jetzt von Ihnen selbst angeheuert wäre, um den Diskurs anzuheizen?) (Und das auch noch selbst kommentieren würde?)
;)
Herzliche Grüße,
David — Blog
Hallo David,
vielen Dank für den ausführlichen und differenzierten Kommentar. Die Fragen, die Sie stellen und die Anregungen, die Sie geben, treffen ins Zentrum unserer Überlegungen.
Ich gebe Ihrer Einleitung Recht, dass es um PR geht und das auch zu einem wesentlichen Teil. Allerdings würde ich nicht sagen, dass es 'letztlich' um PR geht, denn das würde eine Causa Finalis formulieren, die diesem Konzept nicht gerecht würde. Der Dialogprozess generiert nach meiner Auffassung Werte, die den rein zweckrationalen Nutzwert der klassischen 'Propagnada' übersteigen. Das Unternehmen gewinnt in mehrfacher Hinsicht - einige Aspekte haben Sie in Ihrem Kommentar schon angedeutet. Aber auch die Gesellschaft gewinnt, wenn die enormen medialen Flächen, die bisher nur für Werbe-Propaganda genutzt werden, dazu beitragen eine echte Diskurskultur anzuregen.
Sie haben mit Ihren Zweifeln gegenüber der Offenheit des Diskurses aus Perspektive des Inszenateurs recht. Allerdings denke ich, dass es legitim ist, dass das Unternehmen als einer der Diskutanten durchaus seine Meinung zum Ausdruck bringen darf, sofern der Diskurs nach den Regeln des guten Diskurses geführt wird. Nun kann man sich wiederum die Frage stellen, welche Regeln das sein könnten. Habermas hat uns ja wertvolle Anregungen gegeben, die allerdings teilweise zu idealistisch sind, als dass sie realisiert werden könnten. Vielleicht müssen wir alle zusammen hier aber noch viel mehr forschen. Die Tatsache, dass wir heute noch keine allgemeingültigen Regeln kennen, wie ein solcher Diskurs fair geführt werden kann, zeigt uns aber was für eine untergeordnete Rolle der kontroverse Dialog in unserer kommunikativen Realität derzeit spielt. Es wird also höchste Zeit sich auf dieses Terrain zu wagen - auch wenn Kritik und Scheitern vorprogrammiert sind. Dieses Scheitern wird im Laufe der Zeit hoffentlich zu einer Verbesserung der Diskurskultur führen.
Meine 'muss'- und 'soll'-Formulierungen in dem Text haben mich übrignes selbst auch gestört. Im Eifer des Schreibens...
Ich denke nicht, dass es aufgrund der der erdrückenden Konsensfähigkeit des Wasserstoff-Konzeptes schwer sein wird Gegenstimmen wider das Wasserstoff-Konzept zu finden. Es gibt eine Menge Leute, die ganz andere Visionen einer emissionsfreien Zukunft haben. Aber vielleicht behalten Sie dahingehend Recht, dass diese Leute keine Lust haben werden ihre Vorstellungen in einem 'Wassertropfen' vorzutragen. Das könnte sich als Problem erweisen. Die Industrie im Ganzen hat es in den vergangenen Jahrzehnten der Werbeinszenierungen versäumt ein nachhaltiges Vertrauen in der Bevölkerung für eine echte Verständigungskultur aufzubauen.
Letztlich (jetzt verwende ich das Wort leichfertig) geht es darum im Unternehmen, wie auch in der Gesellschaft wertvolle Potentiale auszuloten und dort wo es möglich ist wechselseitige Verständigung herzustellen.
Vielen Dank nochmal für den ausführlichen und ermutigenden Kommentar und herzliche Grüße
Martin Sambauer
Kommentar veröffentlichen