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Diskurs

Dienstag, 8. Januar 2008

„Die Zukunft gehört den Gespenstern“

Autor: Martin Sambauer

Buchtitel: Echographien – Fernsehgespräche
Gespräche über Fernsehen und neue Medien zwischen Jacques Derrida und Bernard Stiegler.
Autor: Jacques Derrida und Bernard Stiegler.

Derrida, der große Denker der Dekonstruktion, hat sich 1993 vor laufenden Kameras mit dem französischen Philosophen Bernard Stiegler über das Phänomen des Fernsehens und der Medien unterhalten. In einem, im Vergleich zu ihren Schriften, fast schon leichten Tonfall werfen die beiden einen grundsätzlichen Blick auf die medialen Prozesse der modernen Gesellschaft. Es ist für den Leser faszinierend zu verfolgen, wie das Gespräch virtuos zwischen philosophischer Abstraktion und lebensweltlicher Konkretisierung changiert. Derrida und Stiegler auf abstrakter Ebene zu folgen, ist eine Herausforderung. Wer noch nicht die Zeit gefunden hat, sich in die Gedankenwelt der zeitgenössischen französischen Philosophie einzulesen, dem geben diese Gespräche inspirierende Hinweise und legen eine Spur zu Heidegger, Husserl, Barthes, Baudrillard und natürlich zu ihrem eigenen Werk. weiter


Sie werden dabei immer wieder konkret und analysieren Fälle der jüngeren Fernsehgeschichte um gefälschte Interviews mit Fidel Castro oder die Berichterstattung des zweiten Golfkrieges. Entlang von Medienfälschung, Vorverurteilung, Einmischung und dem suggestiven „Live“-Begriff einer intentiösen Kriegsberichterstattung entfaltet Jacques Derrida seine Idee der „Artefaktualität“ - ein Mischwort, das auf das trügerische Verhältnis zwischen vermeintlicher Aktualität und ihrer künstlichen Genese verweist. In der Weiterführung des Gedankens entlarvt er den homogenisierenden und hegemonialen Imperativ des Marktes, den er treffend als „Homohegemonie“ bezeichnet. Dabei formuliert er für die Gestalter einer modernen Medienwelt immer wieder ethische Leitfragen: "Wie lässt sich der öffentliche Raum möglichst weit offen halten, ohne – ich würde nicht sagen: vom Markt, sondern – von einer bestimmten Bestimmung des Marktes als Ort der Profitmaximierung beherrscht zu werden?"

Das Gespräch wird sehr irritierend, als sie über jene Gespenster und Phantome sprechen, die durch die projektiven Medien geschaffen werden. Derrida schildert, wie er bei Filmaufnahmen für „Ghost Dance“ von Ken McMullen seiner Schauspielpartnerin Pascale Ogier improvisierend erklärt, dass Menschen durch Filmaufnahmen zu Gespenstern werden. Die einzige Anweisung des Regisseurs für diesen Dialog war, dass er in der Frage Derridas münden müsse: „Glauben Sie jetzt daran, an Phantome?“. Pascale Ogier antwortete daraufhin: „Ja, jetzt ja.“ Jahre später wurde Derrida von amerikanischen Studenten aufgefordert, sich den Film noch einmal anzusehen. Ogier war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben, und er beschreibt die unheimliche, gespenstische, entrückte Situation, wie er plötzlich in einem dunklen Kino auf der anderen Seite der Welt das Gesicht einer Toten vor sich sieht, die ihm in die Augen schaut und seine eigene Erklärung, dass man durch Kameraaufnahmen zum Gespenst würde, mit den Worten „Ja, jetzt ja.“ bestätigt. „Die Zukunft gehört den Gespenstern“, meint Derrida.



Mit dem Gespräch der beiden Philosophen wird klar, dass es im Bereich der massenmedialen Kommunikation noch unendlich viel zu denken gibt. Bernard Stiegler weist in Abgrenzung zwischen Fernsehen und Schrift darauf hin, "dass man nicht Leser von Büchern sein kann, ohne auf die eine oder andere Weise potentiell Schriftsteller zu sein: Es ist kaum vorstellbar, dass der Adressat des Buches es wirklich lesen könnte, ohne schreibkundig zu sein. Vielleicht wird er niemals schreiben, doch er liest, seitdem er mit dem Erwerb der Lesefähigkeit die Möglichkeit zu schreiben hat. Vor allem aus technischen Gründen erlauben es die audiovisuellen Medien und der Computer hingegen, dass ein Empfänger keinerlei Kompetenz mehr hinsichtlich der Genese – der Produktion dessen, was er empfängt – benötigt." Derrida konstatiert eine Art Analphabetismus des Publikums gegenüber dem Bild und die Notwendigkeit, zu einer neuen Grammatik zu finden. Es sind diese grundlegenden Betrachtungen, die für verantwortungsbewusste Akteure der massenmedialen Kommunikation Türen zu einem neuen, zu einem fundamentalen Denken öffnen, auch dann, wenn sie noch keine Experten der philosophischen Dekonstruktion sind.

Die BBC öffnet seit einigen Jahren ihre Archive für Recherche und Verwendung durch das Publikum, und auch in Deutschland sind die öffentlich-rechtlichen Anstalten im Begriff diesen Schritt zu vollziehen. Stiegler und Derrida diskutierten die Notwendigkeit dazu bereits 1993. Es kann in diesem kleinen Buchtipp keinesfalls gelingen, auch nur einen Bruchteil der Denkanstöße zu rekapitulieren, die durch den Diskurs der beiden Denker gegeben werden. Vielmehr ist es unsere Aufgabe, uns als kritische Öffentlichkeit und verantwortungsbewusste Mediengestalter diesen Anregungen zu stellen und sie in unserem eigenen Diskurs weiterzuentwickeln.

Gegen Ende des Gespräches widmen sie ihre Betrachtungen dem Erbe. Derrida: „Ich erbe etwas, das ich selbst weitergeben muss: Das mag schockieren, aber es gibt kein Eigentumsrecht auf das Erbe. Darin liegt das Paradox. Ich habe das Erbe immer nur zur Miete, in Verwahrung, ich bin sein Zeuge oder sein Inhaber, bei dem es Station macht ... Ich kann mir kein Erbe restlos aneignen. Angefangen mit der Sprache.“ Diese Sprache, die wir erben und an unsere Kinder weitergeben, wird in unseren Tagen durch die Massenkommunikation neu geprägt, ja sie wird mit der Massenkommunikation neu erfunden. Wir sollten uns anhand des Gespräches zwischen Stiegler und Derrida also bewusst machen, dass jeder Handlungsakt in diesem Bereich eine Veränderung der Zukunft darstellt und entsprechend sollten wir dafür sorgen, dass die Zukunft nicht ausschließlich den Gespenstern gehört, sondern ein wenig auch noch uns selbst.


Jacques Derrida und Bernard Stiegler
Echografien _ Fernsehgespräche
Passagen Verlag, 2006


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2 Kommentare:

Blogger David meinte...

Hallo und danke für den Buchtipp. Ich kenne diesen Filmausschnitt seit einigen Monaten und ich gebe zu: er lässt mich nicht mehr los, sucht mich heim. Er kann das tatsächlich, weil er verfügbar ist, auf Youtube (und sogar auch in meinem eigenen Blog). So ähnlich immer-verfügbar also, wie die Welt durch mein Handy: Nur virtuell, solange bis ich das entsprechende fantôme anwähle. Und das mache ich dann auch.

Das Statement Derridas, das Sie zitieren, hinterlässt nun bei mir einen dicken Klos im Hals, den ich …vielleicht gar nicht herunterschlucken möchte. Wenn mir schon schauderte bei der Sichtung, wie mochte es ihm selbst erst gehen. Aber es ist auch ein großes Vergnügen, denn ich finde den Film faszinierend. (Haben Sie ihn damals auf Youtube gestellt?)


Ich bin jedenfalls mit ihrem Schlusswort nicht ganz zufrieden. – Es ist doch eben das, was Derrida meint: Es gibt nur die Gespenster, die zu uns sprechen und die sprechen, wenn wir uns melden in diesen Räumen (auch, insbesondere vielleicht, diesem hier, dem Blograum). Ich finde es jedenfalls nicht so leicht, hier »nicht ausschließlich den Gespenstern…, sondern ein wenig auch noch uns selbst« zu sagen.

Aber ehrlich gesagt bin ich (trotz allem Pessimismus, zu dem auch ich neige) sehr froh über dieses sympathische Gespenst, das sich dort oben im Videoframe selbst thematisiert. Ihm gehörte doch tatsächlich die Zukunft; mindestens die Zukunft der Momente in denen ich mir das Filmchen ansehe (ansah, die jetzt vergangene Zukunft Jacques Derridas).

»Vives les fantômes!« – Was soll man denn sonst sagen? Und wenn man dabei so nett schaut! Und dabei einen solchen Blick erntet! Ich fürchte, es geht weniger darum, kein Gespenst mehr zu sein, sondern eher darum, einzusehen, anzunehmen, ein Gespenst zu sein – die Stimme ›de l'autre‹ in mir zuzulassen; dem Ereignismoment, dem Einbruch des Anderen stattzugeben, wenn seine Stimme aus mir spricht; ihm gegenüber gastfreundlich zu sein. – Und Sie lassen mich ja jetzt wahrscheinlich auch zu. …Aber sie haben mich ja auch eingeladen. Vielen Dank dafür.


Was nicht-Zulassen angeht: Wahrscheinlich geht es eher darum, nicht zuzulassen, dass sich merkwürdige Institutionen des Geisterwesens bedienen und eine Bewusstlosigkeit streuen, die uns taub macht. Das stimmt. Damit wäre man allerdings wieder recht nahe an einer altbackenen Kulturkritik.

Freundliche Grüße jedenfalls von einer anderen Identität,

David.

28. Januar 2008 03:23  
Blogger claudia fischer meinte...

Hallo David, hallo Martin,

ich habe ein Zitat von Derrida gefunden, das ich vor Jahren einmal notiert habe, weil ich es so wunderbar fand, wie geheimnisvoll und dennoch ahnbar er über das “Unzeigbare“, als die Voraussetzung dessen spricht, was er die „Präsenz des Präsenten“ nennt. Ich sehe darin Anknüpfungspunkte zu euren beiden Kommentaren, bzw. Rezensionen. Zuerst aber einmal Derrida selbst:

„Wie könnte sich das Begehren nach Präsenz zerstören lassen? Es ist das Begehren selbst. Aber was es verursacht, was ihm seinen Geist und seine Notwendigkeit verleiht, - was bedacht werden kann und daher zu bedenken bleibt – ist das, was sich in der Präsenz des Präsenten nicht zeigt. Die différance oder die Spur zeigt sich nicht, und dieses Bisschen an Unzeigbarem versuchen die Philosophen immer in den Schatten zu stellen. Und doch ist es diese Spur, die alle Systeme zeichnet und wieder in Schwung bringt.“ (aus: Philosophien. Gespräche mit Foucault, Derrida, (…), Hrsg. P. Engelmann, Wien 1985, S.61)

Dass die Zukunft auch „ein bisschen uns selbst“ gehören soll, ist ja vielleicht genau der Wunsch nach diesem Präsentsein und Präsentwerden. Als Vergegenwärtigung von Gegenwart, um die sich jedes Begehren dreht. Die es aber ohne „dieses Bisschen an Unzeigbarem“, worin ja möglicherweise auch die Welt der Gespenster Statt hat, gar nicht „gibt“. Man könnte dann sogar sagen, dass dadurch, dass wir den Gespenstern ein langes Leben wünschen – wie es Derrida im Film ja vorschlägt –, Präsenz (als eine Art Positiv) überhaupt erst möglich wird. Vive les fantômes! ist die Anerkenntnis der Spur, die wir in der Welt und besonders im medialen Kosmos, vielfältig und vervielfältigt hinterlassen.

Derrida sagt in „Echographien“, dass wir uns kein Erbe restlos aneignen können. In gewisser Weise gilt das wohl auch für das Erbe, das wir selbst sind. Auch uns selbst können wir uns nicht restlos aneignen sondern verteilen uns durch unser gelebtes Leben und dessen Spuren in der Welt. Als Gespenster.
Insofern finde ich es natürlich schon entscheidend, welche Art von Gespenstern da in die Welt entlassen wird und hoffe, Derrida hat recht damit wenn er sagt, dass das Kino nur wenn es nicht langweilig ist, eine Kunst ist, die es den Geistern erlaubt, zurückzukommen.
Könnte ja sein, dass Fake und Schwindel und langweiliges (weil ungegenwärtiges) Kino wirklich keine Spuren hinterlassen, weil sie von vorneherein bloße Phantome oder das Plagiat von zukünftigen Phantomen waren. „Das was ist, ist, und das was nicht ist, ist nicht“, sagt Parmenides dazu. Puff. Dschungelcamp – nie gewesen…wow!

28. Januar 2008 18:06  

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