"Gestalte, was dich am Gestalten hindert!"
Titel: Nachhaltigkeit in 50 SekundenHerausgeber: Irmela Bittencourt, Joachim Borner, Albert Heiser
Autoren: Daniel Arend, Linda Maria Barutzki, Anna Bilger, Irmela Bittencourt, Joachim Borner, Ephraim Broschkowski, Johannes Bünger, Veit Ebermann, Maik Eimertenbrink, Alber Heiser, Holger Köhler, Bianca Limbach, Pelle Markedahl-Larsen, Christian Molle, Edda Ostertag, Kristin Petersen, Sabrina Schneider, Patricia Schulte, Malte Stöck
oekom verlag, München 2004
Wer Rezensionen oder den Klappentext von „Nachhaltigkeit in 50 Sekunden" liest, vermutet bei weitem keinen derart fundamentalen Ansatz hinter dem als Ideen- und Ratgeber für nachhaltige Filmgestaltung angekündigten Buch. Die ersten Seiten kommen noch in plauderndem Tonfall daher, so dass man zunächst versucht ist, der Einladung der Autoren zum „Querlesen" zu folgen - wäre da nicht ein unvermittelter Wechsel in Tonfall und Gedankenlage, von dem weg sich das Buch über weite Strecken den grundsätzlichen Anforderungen an Kommunikation widmet und damit eher eine intelligente Einladung zum Querdenken als zum Querlesen formuliert.
weiter ...
Die Autoren begeben sich unter dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit auf die Suche nach einer neuen Kommunikation und stellen im Bezug auf die Massenmedien schnell fest: „Sie bequatschen, sie informieren - im besten Falle. Sie überreden, sie verlocken, sie versprechen. Antworten kann ich ihnen nicht, und soll es auch gar nicht. Die Botschaft ist die Botschaft ist die Botschaft." Es ist für sie nicht mehr zu übersehen, dass wir ein gesellschaftliches „Kommunikationsproblem" haben. Über Niklas Luhmanns Feststellung, dass „Gesellschaft aus nichts anderem als Kommunikation" besteht, verdeutlichen sie: „Was nicht kommuniziert wird, existiert gesellschaftlich nicht. Dies hat Folgen - auch für ökologische Probleme: Sie werden von der Gesellschaft erst wahrgenommen und auch dann erst zum Problem, wenn sie kommuniziert werden."
Aber glücklicherweise verharren die Autoren nicht in der platten Forderung nach einer Abbildung der Umweltprobleme in massenmedialen Projektionen, sondern vollziehen folgerichtig auch den nächsten Schritt: „Wenn Kommunikation Gesellschaft konstituiert, dann sind für eine nachhaltige Gesellschaft nicht in erster Linie (fertige) Inhalte oder Botschaften bestimmend, sondern vielmehr solche Kommunikationsformen, in denen die inhaltlichen Gestaltungsvorgaben für Nachhaltige Entwicklung partizipativ entstehen können." Hermann Graf Hatzfeld bekräftigt als (ehemaliges) Mitglied des Rats für nachhaltige Entwicklung diese Haltung mit seinem Zitat: „Wird 'Kommunikation' nicht allzu stark auf die 'message' reduziert? Ist sie dann nicht eher Teil des Problems, denn Teil der Lösung für eine nachhaltige Entwicklung? Was nachhaltige Kommunikation eigentlich erfordert, ist die Besinnung auf alte Techniken des Austauschs: die gedankliche Klarheit, die es bedarf, um den anderen nicht mit Sprechblasen oder unleserlichen Folien zu belasten; die kreative Kraft, moderne Märchen als Zeugnisse der Zeitläufe zu formen; die Souveränität, sich in der Gemeinschaft von Wort und Gestik differenziert auszudrücken." In dieser Argumentationslinie der Autoren wird über eine Vielzahl von verfolgenswerten Literaturverweisen klargestellt: „Nur diejenige Form von Kommunikation ist nachhaltig, in der grundsätzliche Entwicklungsthemen durch partizipative Diskurse dauerhaft beraten werden." Sie unterschlagen dabei nicht, dass die dazu nötige Gestaltungskompetenz der Bürger immer wieder aufs Neue erworben werden muss bzw. kommunikatives Handeln ein lebenslanges Lernen zur Folge hat. Von dieser Gestaltungskompetenz kommen sie weiter zu einem Rechtsanspruch auf Beteiligung: „Gestaltungskompetenz umfasst auch das Recht der zivilgesellschaftlichen Organisation, der Wissenschaften, der Kultur und anderer, sich an der gesellschaftlichen Gestaltung - noch einmal: auf gleicher Augenhöhe! - zu beteiligen. Diesen Rechtsanspruch erwerben sie entweder selbst - oder sie bekommen ihn nie."
Beispielspot „Schulkind"
Die bedrohlichen Veränderungen, die wir derzeit in allen Makrosystemen beobachten können, „versetzen unsere Gesellschaft in den Status eines hochkomplexen Umbruchs, der die Notwendigkeit einer neuen Beteiligungskultur offenbar macht." Allerdings weisen sie auch eindeutig darauf hin, dass es noch eine Menge ordnungspolitischer und struktureller Hausaufgaben zu machen gibt, wenn man diesen Problemen adäquat begegnen will: „Die globalen Herausforderungen sind nur durch eine tiefgehende Änderung des gesellschaftlichen Kommunikationssystems zu lösen. Die derzeitigen politischen Rahmenbedingungen - nicht nur in Deutschland - bremsen diese Transformation. Denn die repräsentative Form unserer Demokratie verzögert partizipative Willenbildungsprozesse im Sinne einer 'Ethik der Lebensgestaltung'."
„Nachhaltigkeit in 50 Sekunden" ist als Begleitbuch für ein Studienprojekt konzipiert, bei dem sich 30 Studierende und junge Medienschaffende über 18 Monate mit dem Themenkomplex „Kommunikation von Nachhaltigkeit" befasst haben. Konsequenterweise kommen die Autoren dabei zu der dringend notwendigen Umdrehung der Formulierung, nämlich zu „Nachhaltigkeit von Kommunikation", als Chance für unsere bedrohte Welt. Das Buch selbst beweist die These der Autoren, dass durch die drastische Selbstqualifizierung der Beteiligten eine echte Zukunftsorientierung möglich wird. Denn wer hätte von den jungen Leuten zunächst eine derart weit reichende und grundsätzliche Analyse erwartet?
Im letzten Drittel des Buches werden dann tatsächlich praktische Tipps zur Produktion von Filmen zur Nachhaltigkeit gegeben, wobei an einigen Stellen nicht ganz konsequent mit den vorher angestellten Überlegungen umgegangen wird. Die Autoren haben allerdings bereits einleitend darauf hingewiesen, dass ihr diskursives Thema nicht mit einem einzigen Blickwinkel abgehandelt werden kann und soll: Widersprüche sind erlaubt. Prinzipiell stehen die kommunizierenden Akteure der Nachhaltigkeit vor einem Dilemma zwischen diskursiver Partizipation und unilateraler Massenkommunikation, dessen Spannungsfelder in diesem Buch immer wieder hervorbrechen. Die Autoren versöhnen die Gegensätze mit dem Kommentar: „Was kann also die Massenkommunikation für die Nachhaltigkeitskommunikation bewirken? Sie kann zur Partizipation auffordern, provozieren und neugierig machen. Im Idealfall zeigt sie Handlungsoptionen auf und motiviert möglichst viele Menschen zur nachhaltigen Gestaltung ihrer Umwelt. [...] D.h. Nachhaltigkeitskommunikation muss sowohl den Einstieg - per Massenkommunikation - als auch den partizipativen Diskurs organisieren, also beide Kommunikationsformen verbinden." Nicht ganz nebenbei haben die Studierenden im Sinne dieses Ausspruches acht kleine Filme produziert, die das Thema Nachhaltigkeit in den Fokus rücken und auf die sich der Titel „Nachhaltigkeit in 50 Sekunden" bezieht.
Labels: Buchtipp

2 Kommentare:
Wow, das Buch wird auch noch Jahre nach der Veröffentlichung gelobt. Wer hätte das gedacht? Oder heißt das, dass bisher keiner die Ideen aufgegriffen hat?
Einige der Autoren machen übrigens nach einer längeren Pause endlich weiter. Die neuesten Spots (und natürlich die alten) gibt es z.B. unter www.youtube.de/filmblick und www.myspace.com/filmblick zu sehen.
Viel Spaß!
Gute und richtige Gedanken haben eine lange Halbwerteszeit und kann man immer kommentieren...auch 4 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung, oder?
Kommentar veröffentlichen