"Monopol bei der Bildung der Hirne"
Autor: Martin Sambauer
Buchtitel: Über das Fernsehen
Autor: Pierre Bourdieu
edition suhrkamp, erste Auflage 1998
Begreift man den polemos als jene Auseinandersetzung, welche den Geist herausbildet, dann darf man die kleine Polemik, die der französische Soziologe Pierre Bourdieu 1996 gegen die offensichtlichen wie auch die versteckten, jedenfalls aber systematischen Unzulänglichkeiten des Fernsehens vortrug, ohne große ästhetische Formkritik genießen. Bezeichnenderweise hatte der sonst eher fernsehscheue Wissenschaftler seine Medienschelte als Vorlesung im Fernsehen gehalten und dabei füchsisch einige der damaligen Protagonisten der französischen TV-Landschaft attackiert. Da solche Medien ein bedauerlich autoreferenzielles System darstellen, hat er mit diesem kleinen Trick genau eines der wenigen Einfallstore in die zirkuläre Zirkulation, wie er dieses Phänomen nennt, genutzt, durch das man sich als Außenseiter überhaupt erst Zutritt zur autistischen Medienmaschine verschaffen kann. Die angegriffenen Personen schlugen öffentlich zurück, und damit erhielten Bourdieus Vorträge jenen Zündstoff, den sie brauchten, um als abgedruckter Text in die französischen Bestsellerlisten zu gelangen. weiter ...
Auch wenn uns der Wissenschaftler in „Über das Fernsehen“ nichts grundlegend Neues erzählt, so formuliert der leicht konsumierbare Text doch eine Basiskritik, die man nicht oft genug wiederholen kann, um in der Auseinandersetzung vielleicht irgendwann zu sinnvolleren Medienkonzepten zu gelangen. Er weist auf die Abhängigkeit der Medien und ihrer Gestalter von ihren Finanziers hin. „Es ist nicht belanglos zu wissen, dass NBC der General Electric gehört (was heißt, dass bei eventuellen Interviews mit Anrainern von Atomkraftwerken wahrscheinlich […] und übrigens würde niemand auf die Idee kommen ...), dass CBS Westinghouse gehört, dass ABC Disney gehört und TF1 Bouygues gehört, was über eine ganze Reihe von Vermittlungsschritten durchaus seine Folgen hat.“ Und diese Vermittlungsschritte führen ihn immer wieder zur Falle Einschaltquote, über welche die Logik des Kommerz auf die Kulturerzeugnisse durchschlägt.
Da sich seine Rede an Journalisten und das Publikum selbst richtet, wählt Bourdieu eine sehr klare Sprache, in der Hoffnung vielleicht zum Teil dazu beitragen zu können, die Dinge zu ändern. Mit Begriffen wie Omnibusmeldung als Bezeichnung für allgemeingültige (omnibus) Meldungen, bei denen es um nichts geht, die nicht spalten, die Konsens herstellen, die alle interessieren, aber so, dass sie nichts Wichtiges berühren, gibt er Dingen, die dringend zu ändern wären, einen Namen. Das Fernsehen hat eine Art faktisches Monopol bei der Bildung der Hirne eines Großteils der Menschen […] Legt das Fernsehen den Akzent auf die „Vermischten Meldungen“, so füllt es die Zeit mit Leere, mit nichts oder fast nichts und klammert relevante Informationen aus, über die der Staatsbürger zur Wahrnehmung seiner demokratischen Rechte verfügen sollte.
Dass diese demokratischen Rechte inzwischen der Logik der entfesselten und doch homogenisierten Medienkräfte gehorchen, verdeutlicht er folgendermaßen: „Wer heute noch glaubt, dass es ausreicht zu demonstrieren, ohne an das Fernsehen zu denken, läuft Gefahr, sein Ziel zu verfehlen: Demonstrationen müssen mehr und mehr für das Fernsehen produziert werden, also gestaltet werden, dass die Fernsehleute sich aufgrund ihrer Wahrnehmungskategorien dafür interessieren, sie aufgreifen, den Adressatenkreis erweitern und ihnen damit erst zur vollen Wirkung verhelfen.“
Die homogenisierende Logik der Einschaltquote ist die Logik eines Marktes, der paradoxerweise in den liberalen Credi immer so dargestellt wird als würde er Vielfalt erzeugen. In der Welt der Medien passiert genau das Gegenteil, obwohl eine der nobelsten Aufgaben der Medien doch der Zugang zu differenzierter Bildung und zur Erweiterung des Horizontes sein sollte. Bourdieu erinnert daran, „dass die Gründer der Französischen Republik im 19. Jahrhundert das Ziel der Schulbildung nicht nur darin sahen, dass man lesen, schreiben, rechnen lernt, um ein guter Arbeiter zu werden, sondern auch darin, dass man die Voraussetzungen erwirbt, ein guter Staatsbürger zu sein, die Gesetze zu verstehen, seine Rechte zu verstehen und zu verteidigen, gewerkschaftliche Vereinigungen ins Leben zu rufen […] Es gilt, an der Universalisierung der Zugangsbedingungen zum Universellen zu arbeiten. Und genau diese Aufgabe der Medien ist durch das heute wirksame System in Gefahr.“
Von den Medien gehen in der heutigen Form aber nicht nur Gefahren aus. Tatsächlich üben sie darüber hinaus eine besonders schädliche Form von Gewalt aus, die symbolische Gewalt. Die symbolische Gewalt ist eine Gewalt, die sich der stillschweigenden Komplizität derer bedient, die sie erleiden, und oft auch derjenigen, die sie ausüben, und zwar in dem Maße, in dem beide Seiten sich dessen nicht bewusst sind. Genau in der Bewusstmachung von Unbewusstem liegt der Wert dieses Büchleins. Alles, was Bourdieu sagt, scheint uns Aufgeklärten des dritten Jahrtausends längst bekannt zu sein. Aber wer formuliert es tatsächlich? Wer hat im Gespräch die richtigen Begrifflichkeiten dafür parat? Wer ist sich wirklich bewusst, nicht nur subbewusst? Wer erzählt es seinen Kindern und wer seinen Kollegen? Die Investition von ca. 8 Euro für eine unterhaltsame Zugfahrt in Begleitung eines der größten Soziologen des 20. Jahrhunderts rentiert sich unter dem Blickwinkel, dass man sein Denken um ein paar präzise Gedanken bereichert, die es einem ermöglichen, den täglichen Hieben der Medienmaschinerie, denen wir unausweichlich ausgesetzt zu sein scheinen, mit einer aufrechten Haltung zu begegnen.
Buchtitel: Über das FernsehenAutor: Pierre Bourdieu
edition suhrkamp, erste Auflage 1998
Begreift man den polemos als jene Auseinandersetzung, welche den Geist herausbildet, dann darf man die kleine Polemik, die der französische Soziologe Pierre Bourdieu 1996 gegen die offensichtlichen wie auch die versteckten, jedenfalls aber systematischen Unzulänglichkeiten des Fernsehens vortrug, ohne große ästhetische Formkritik genießen. Bezeichnenderweise hatte der sonst eher fernsehscheue Wissenschaftler seine Medienschelte als Vorlesung im Fernsehen gehalten und dabei füchsisch einige der damaligen Protagonisten der französischen TV-Landschaft attackiert. Da solche Medien ein bedauerlich autoreferenzielles System darstellen, hat er mit diesem kleinen Trick genau eines der wenigen Einfallstore in die zirkuläre Zirkulation, wie er dieses Phänomen nennt, genutzt, durch das man sich als Außenseiter überhaupt erst Zutritt zur autistischen Medienmaschine verschaffen kann. Die angegriffenen Personen schlugen öffentlich zurück, und damit erhielten Bourdieus Vorträge jenen Zündstoff, den sie brauchten, um als abgedruckter Text in die französischen Bestsellerlisten zu gelangen. weiter ...
Auch wenn uns der Wissenschaftler in „Über das Fernsehen“ nichts grundlegend Neues erzählt, so formuliert der leicht konsumierbare Text doch eine Basiskritik, die man nicht oft genug wiederholen kann, um in der Auseinandersetzung vielleicht irgendwann zu sinnvolleren Medienkonzepten zu gelangen. Er weist auf die Abhängigkeit der Medien und ihrer Gestalter von ihren Finanziers hin. „Es ist nicht belanglos zu wissen, dass NBC der General Electric gehört (was heißt, dass bei eventuellen Interviews mit Anrainern von Atomkraftwerken wahrscheinlich […] und übrigens würde niemand auf die Idee kommen ...), dass CBS Westinghouse gehört, dass ABC Disney gehört und TF1 Bouygues gehört, was über eine ganze Reihe von Vermittlungsschritten durchaus seine Folgen hat.“ Und diese Vermittlungsschritte führen ihn immer wieder zur Falle Einschaltquote, über welche die Logik des Kommerz auf die Kulturerzeugnisse durchschlägt.
Da sich seine Rede an Journalisten und das Publikum selbst richtet, wählt Bourdieu eine sehr klare Sprache, in der Hoffnung vielleicht zum Teil dazu beitragen zu können, die Dinge zu ändern. Mit Begriffen wie Omnibusmeldung als Bezeichnung für allgemeingültige (omnibus) Meldungen, bei denen es um nichts geht, die nicht spalten, die Konsens herstellen, die alle interessieren, aber so, dass sie nichts Wichtiges berühren, gibt er Dingen, die dringend zu ändern wären, einen Namen. Das Fernsehen hat eine Art faktisches Monopol bei der Bildung der Hirne eines Großteils der Menschen […] Legt das Fernsehen den Akzent auf die „Vermischten Meldungen“, so füllt es die Zeit mit Leere, mit nichts oder fast nichts und klammert relevante Informationen aus, über die der Staatsbürger zur Wahrnehmung seiner demokratischen Rechte verfügen sollte.
Dass diese demokratischen Rechte inzwischen der Logik der entfesselten und doch homogenisierten Medienkräfte gehorchen, verdeutlicht er folgendermaßen: „Wer heute noch glaubt, dass es ausreicht zu demonstrieren, ohne an das Fernsehen zu denken, läuft Gefahr, sein Ziel zu verfehlen: Demonstrationen müssen mehr und mehr für das Fernsehen produziert werden, also gestaltet werden, dass die Fernsehleute sich aufgrund ihrer Wahrnehmungskategorien dafür interessieren, sie aufgreifen, den Adressatenkreis erweitern und ihnen damit erst zur vollen Wirkung verhelfen.“
Die homogenisierende Logik der Einschaltquote ist die Logik eines Marktes, der paradoxerweise in den liberalen Credi immer so dargestellt wird als würde er Vielfalt erzeugen. In der Welt der Medien passiert genau das Gegenteil, obwohl eine der nobelsten Aufgaben der Medien doch der Zugang zu differenzierter Bildung und zur Erweiterung des Horizontes sein sollte. Bourdieu erinnert daran, „dass die Gründer der Französischen Republik im 19. Jahrhundert das Ziel der Schulbildung nicht nur darin sahen, dass man lesen, schreiben, rechnen lernt, um ein guter Arbeiter zu werden, sondern auch darin, dass man die Voraussetzungen erwirbt, ein guter Staatsbürger zu sein, die Gesetze zu verstehen, seine Rechte zu verstehen und zu verteidigen, gewerkschaftliche Vereinigungen ins Leben zu rufen […] Es gilt, an der Universalisierung der Zugangsbedingungen zum Universellen zu arbeiten. Und genau diese Aufgabe der Medien ist durch das heute wirksame System in Gefahr.“
Von den Medien gehen in der heutigen Form aber nicht nur Gefahren aus. Tatsächlich üben sie darüber hinaus eine besonders schädliche Form von Gewalt aus, die symbolische Gewalt. Die symbolische Gewalt ist eine Gewalt, die sich der stillschweigenden Komplizität derer bedient, die sie erleiden, und oft auch derjenigen, die sie ausüben, und zwar in dem Maße, in dem beide Seiten sich dessen nicht bewusst sind. Genau in der Bewusstmachung von Unbewusstem liegt der Wert dieses Büchleins. Alles, was Bourdieu sagt, scheint uns Aufgeklärten des dritten Jahrtausends längst bekannt zu sein. Aber wer formuliert es tatsächlich? Wer hat im Gespräch die richtigen Begrifflichkeiten dafür parat? Wer ist sich wirklich bewusst, nicht nur subbewusst? Wer erzählt es seinen Kindern und wer seinen Kollegen? Die Investition von ca. 8 Euro für eine unterhaltsame Zugfahrt in Begleitung eines der größten Soziologen des 20. Jahrhunderts rentiert sich unter dem Blickwinkel, dass man sein Denken um ein paar präzise Gedanken bereichert, die es einem ermöglichen, den täglichen Hieben der Medienmaschinerie, denen wir unausweichlich ausgesetzt zu sein scheinen, mit einer aufrechten Haltung zu begegnen.
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