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Diskurs

Montag, 18. Februar 2008

"Die Durchquerung des Aktuellen mittels der Geschichte"

Autor: Martin Sambauer

Buchtitel: Geschichte der Gouvernementalität
Autor: Michel Foucault
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004
2 Bände

Michel Foucault hat in einer Vorlesungsreihe in den Jahren 1978/79 am Collège de France vor einem atemlosen und dicht gedrängten Publikum die „Kunst des Regierens“ untersucht und dabei den Begriff der gouvernementalité entwickelt. Das Werk gilt als wegweisende Analyse der Regierungstechniken von der Antike über die christliche Pastoral bis zu den Regierungskonzepten der 1970er Jahre. Dabei klammert er den zehn Jahre nach seiner Vorlesung zusammenbrechenden Sowjet-Sozialismus bereits vollständig aus und konzentriert sich vielmehr auf den Gegensatz zwischen den beiden „großen Schulen des deutschen Ordoliberalismus und des amerikanischen Anarcho-Liberalismus“ (Michel Sennelart/Hrsg). weiter


Foucault: „Worauf sich [...] die Aufmerksamkeit im Falle dieses amerikanischen Neoliberalismus richtet, ist der Umstand, dass es sich um eine Bewegung handelt, die völlig dem entgegengesetzt ist, was man in der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland findet.“ Er weist anhand der Texte der ordoliberalen Vordenker nach, dass in Deutschland ein Rahmen errichtet wurde, „der den Zusammenhalt der Gemeinschaft“ gewährleisten und schließlich eine Kooperation zwischen den „natürlich verwurzelten und gesellschaftlich integrierten“ Menschen garantieren soll. Durch den Neoliberalismus der Chicagoer Schule dagegen dehnt sich das ökonomische Prinzip vollständig und radikal in alle Lebensbereiche aus, in dem Bestreben, die „ökonomische Form des Marktes zu verallgemeinern“. 

Man kann die vorausschauende Hellsichtigkeit des großen französischen Denkers nur bewundern, wenn man heute hilflos den marktradikalen Übergriffen der Bush-Administration im Irak oder in dessen eigenem Land im Zusammenhang mit der Flut-Katastrophe von New Orleans zusehen muss. Foucault weist bereits 1979 darauf hin, dass das Freiheitskonzept des amerikanischen Neoliberalismus’ darauf ausgerichtet ist, das Regierungshandeln auf ein denkbares Minimum zu reduzieren: „Hier kehrt man nun das Laissez-faire in eine Beschränkung des Regierungshandelns um, und zwar im Namen eines Marktgesetzes, das ermöglicht, jede Regierungshandlung einzuschätzen und zu bewerten. Das Laissez-faire wird somit umgekehrt, und der Markt ist nicht mehr ein Prinzip der Selbstbeschränkung der Regierung, sondern ein Prinzip, das man gegen sie wendet. Er ist eine Art ständiges ökonomisches Tribunal gegenüber der Regierung.“ Foucault schlägt vor, zur Überwindung solcher Entwicklungen neben den Texten von Adam Smith auch die seines Zeitgenossen Adam Ferguson zu rezipieren, der mit der „Abhandlung über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft“ die Richtung einer modernen gouvernementalité gewiesen hat. Mit diesem kurzen Blick in das zweibändige Werk, das in Deutschland erst 2004 erschienen ist, sind die sozialwissenschaftlichen und philosophischen Dimensionen von Foucaults Analysen noch gar nicht berührt. Seit der Vorlesungsreihe hat sich eine eigene „Governmentality-Literatur“ entwickelt, in der Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen den Spuren des Vordenkers folgen. Die Bedeutung des „innovativen Potentials“ der Gouvernementalitätsproblematik liegt „in den methodisch-theoretischen Prinzipien, der empirisch-forschungsstrategischen Ausrichtung und den politisch-kritischen Perspektiven dieser Analyseform“ (Thomas Lemke).

Wer als interessierter Zeitgenosse versucht, sich mit der Welt unserer Tage zu verständigen, kann mit Foucaults Vorlesung eine enorm spannende Zeitreise durch die Genese unserer Staatsgefüge machen. Zeugen seiner Auftritte meinen dazu: „Die Kunst Michel Foucaults bestand in der Durchquerung des Aktuellen mittels der Geschichte.“ Gerade aus deutscher Perspektive ist es interessant zu beobachten, wie der deutschlandkritische Franzose mit einer ungewollten Achtung das deutsche Modell der sozialen Marktwirtschaft als keimende Alternative zum amerikanischen Neoliberalismus beschreibt. In Anbetracht der widerstandslosen Vereinnahmung beinahe aller Weltmärkte durch den Chicagoer Ökonomismus in unseren Tagen werden dabei die Verantwortung und das Potential deutlich, welches wir Europäer haben, gemeinsam einen menschenwürdigen Staat für eine lebenswerte Zukunft zu entwickeln. Michel Foucault gibt uns mit „Geschichte der Gouvernementalität“ wichtige Analyse-Werkzeuge dazu in die Hand.

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