Falls Europa erwacht
Buchtitel: Falls Europa erwachtAutor: Peter Sloterdijk
Verlag: Suhrkamp, dritte Auflage Juni 2001
Fünf Jahre nach dem Fall der Mauer erinnert Peter Sloterdijk Europa an seine gemeinsamen antiken Mythen, die inzwischen fast vollständig vom amerikanischen Traum beansprucht werden und deren Rückführung ins Bewusstsein der Europäer den dringend notwendigen Wandel bewirken könnte, aus der jahrzehntelangen Deckung aufzutauchen und die Neugestaltung eines neuen, kraftvollen, kritischen und diskursiven Europas endlich zu wagen.
„Die europamüden Europäer werden – mit Hilfe von geeigneten Europa-Trainern, um nicht zu sagen Europa-Künstlern – selbst die Vision zu erfinden haben, die sie für das Europa beflügeln wird, das sie meinen. In ihrem Visionentraining erzeugen sie zugleich sich selbst, ihre neuen politischen Formen und ihre Zukunft in der Welt.“ (S. 56) weiter ...
Falls Europa erwacht – der Titel sagt es bereits: Europa schläft. Woher rührt dieser Schlummer? Was richtet er an? Was wurde vergessen? Schließlich: Was braucht es, damit Europa erwacht?
In seinem bereits 1994 erschienenen Essay schreibt Peter Sloterdijk charismatisch und wortmächtig gegen eine fortdauernde europäische Politik der kleinen Gesten, gegen eine emotionale Grundhaltung der Indifferenz und Absenz, gegen die grassierende Mutlosigkeit. Er fordert die Europäer zum Umdenken auf und lässt keinen Zweifel daran, dass ein solches Umdenken nur auf der Basis einer geschichtsphilosophischen Auseinandersetzung mit der „Mythomotorik“ Europas seit dem Zerfall des antiken römischen Weltreiches stattfinden kann, dass sich Umdenken nur auf der Basis von differenzierter Auseinandersetzung und erzählendem Fragen, Sprechen und Erinnern vollzieht.
„Welche Szenen spielen die Europäer in ihren historisch entscheidenden Momenten? Welches sind ihre bewegenden Ideen und aktivierenden Illusionen?“ (…) Die quintessentielle europabildende Funktion besteht in einem Mechanismus der Reichsübertragung. Europa setzt sich in Gang und hält sich in Bewegung in dem Maß, wie es ihm gelingt, das Reich, das vor ihm war, das römische, zu reklamieren, zu re-inszenieren und zu transformieren.“ (34)
Diesen Gedanken entfaltet er in einem eindrucksvollen Ritt durch die europäische Geschichte von den Ottonen, Karolingern und Staufern bis zu den „heillosen neu-europäischen Imperien (…), deren Konkurrenz die Katastrophe Europas im 20. Jhd. verschuldet hat.“ (S. 37)
Nach 1945, so Sloterdijk, schwebte Europa ein halbes Jahrhundert in einer „Halbwirklichkeit“ und einem Warten auf „Niemand-weiß-wirklich-was“. Für eine Neukonzeption europäischer Zukunft wünscht er sich, dass „jeder neue Versuch des trügerischen Ausweichens ins Kleine, politisch Harmlose und global Absichtslose von vorneherein blockiert wird.“(26)
Was er sich für Europa wünscht, falls es erwacht und damit seinen Dornröschenschlaf aufgibt um an den Wurzeln seines Mythos neue Kraft zu schöpfen, ist so motivierend wie furchteinflößend und erinnert an die Nelson Mandela Sentenz, dass der Mensch vor nichts so viel Angst hat, wie vor seiner eigenen Kraft:
„Falls Europa erwacht: werden sofort die Hilfskonstruktionen einer Vakuum-Ära (…)in Richtung auf ein realistisch und somit größer formatiertes Europa überschritten. Falls Europa erwacht: dann wird die absurde und lustlose Nachahmung der Vereinigten Staaten von Amerika durch die Vereinigten Staaten von Europa des Straßburg-Brüssel-Typus sich in kürzester Zeit erschöpfen (…). Falls Europa erwacht: Es würde das Kunststück vollbringen, die Vision, von der es getragen und angetrieben werden soll, in eigener Regie und in öffentlicher Debatte hervorzubringen (…) Quasi autohypnotisch hätten sich Europäer zu dem zu bewegen, was sie zu tun haben, wenn sie sich in Bewegung setzen. (…) Bei Europäern [ist] nahezu alles, was an Großem und Neuem zu unternehmen wäre, gegen eine historisch erworbene Skepsis durchzusetzen. (…)
Der Name Europa nennt eine Weltgegend, in der auf unverkennbar eigentümliche Weise nach der Wahrheit und nach der Güte des Lebens gefragt worden ist. Auch in modernen Zeiten werden Europäer nie ganz aufhören können zu glauben, dass ein Recht zum Erfolg auf Dauer nur dem Richtigen und Menschenwürdigen zukommt. (…) Erfolg wollen können heißt sich von einer Wahrheit bewegt wissen, die Depressionen standhält. (…)
Mit Recht hat man Europa die Mutter der Revolutionen genannt; eine tiefere Definition würde Europa als den Herd der Revolte gegen das menschliche Elend bezeichnen. Sobald Europa erwacht, kehren Wahrheitsfragen in die große Politik zurück. (…) Europas tiefster Gedanke ist, dass man der Verachtung widerstehen muss. (…) Durch jahrhundertelange Gewöhnung an imperiale Optionen für das blanke Unrecht wurden so viele europäische Völker für den Faschismus reif – und was ist der Faschismus anderes als der Aktivismus der Verachtung? Seine aktuelle Form ist der Kult des wahrheitslosen Erfolgs, der in eher unpolitischen Formen auch nach 1945 allenthalben virulent blieb.“ (53-59)
Die große Chance für Europa läge darin, die alte Reichsidee zu transformieren und die Übertragung auf ein Nicht-Reich zu vollziehen, welches eine „neue Union politischer Einheiten“ wäre, die nicht mehr von national-imperialen Impulsen der Verachtung geprägt wäre, sondern von „der Kunst, Worte zu schaffen, die an Bord der Wirklichkeit den Horizont aufzeigen.“ (60)
Diese Worterschaffungskunst zu erinnern, zu beschützen, zu pflegen, zu verbreiten und weiter zu erfinden ist auch Aufgabe integraler Kommunikation, ist integrale Kommunikation. Denn was hilft es, wenn die wunderbaren Möglichkeiten und Zeugungskräfte der Sprache immer nur das Terrain von wenigen sind, ein großer Teil der Bevölkerung aber bestenfalls mit so genannten Omnibusnachrichten, Nachrichten ohne Gehalt und Bedeutung, auf einem Niveau der Kritiklosigkeit gehalten wird?
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