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Diskurs

Freitag, 29. Februar 2008

Falls Europa erwacht

Autorin: Claudia Fischer

Buchtitel: Falls Europa erwacht
Autor: Peter Sloterdijk
Verlag: Suhrkamp, dritte Auflage Juni 2001

Fünf Jahre nach dem Fall der Mauer erinnert Peter Sloterdijk Europa an seine gemeinsamen antiken Mythen, die inzwischen fast vollständig vom amerikanischen Traum beansprucht werden und deren Rückführung ins Bewusstsein der Europäer den dringend notwendigen Wandel bewirken könnte, aus der jahrzehntelangen Deckung aufzutauchen und die Neugestaltung eines neuen, kraftvollen, kritischen und diskursiven Europas endlich zu wagen.

„Die europamüden Europäer werden – mit Hilfe von geeigneten Europa-Trainern, um nicht zu sagen Europa-Künstlern – selbst die Vision zu erfinden haben, die sie für das Europa beflügeln wird, das sie meinen. In ihrem Visionentraining erzeugen sie zugleich sich selbst, ihre neuen politischen Formen und ihre Zukunft in der Welt.“ (S. 56) weiter ...

Falls Europa erwacht – der Titel sagt es bereits: Europa schläft. Woher rührt dieser Schlummer? Was richtet er an? Was wurde vergessen? Schließlich: Was braucht es, damit Europa erwacht?

In seinem bereits 1994 erschienenen Essay schreibt Peter Sloterdijk charismatisch und wortmächtig gegen eine fortdauernde europäische Politik der kleinen Gesten, gegen eine emotionale Grundhaltung der Indifferenz und Absenz, gegen die grassierende Mutlosigkeit. Er fordert die Europäer zum Umdenken auf und lässt keinen Zweifel daran, dass ein solches Umdenken nur auf der Basis einer geschichtsphilosophischen Auseinandersetzung mit der „Mythomotorik“ Europas seit dem Zerfall des antiken römischen Weltreiches stattfinden kann, dass sich Umdenken nur auf der Basis von differenzierter Auseinandersetzung und erzählendem Fragen, Sprechen und Erinnern vollzieht.

„Welche Szenen spielen die Europäer in ihren historisch entscheidenden Momenten? Welches sind ihre bewegenden Ideen und aktivierenden Illusionen?“ (…) Die quintessentielle europabildende Funktion besteht in einem Mechanismus der Reichsübertragung. Europa setzt sich in Gang und hält sich in Bewegung in dem Maß, wie es ihm gelingt, das Reich, das vor ihm war, das römische, zu reklamieren, zu re-inszenieren und zu transformieren.“ (34)
Diesen Gedanken entfaltet er in einem eindrucksvollen Ritt durch die europäische Geschichte von den Ottonen, Karolingern und Staufern bis zu den „heillosen neu-europäischen Imperien (…), deren Konkurrenz die Katastrophe Europas im 20. Jhd. verschuldet hat.“ (S. 37)
Nach 1945, so Sloterdijk, schwebte Europa ein halbes Jahrhundert in einer „Halbwirklichkeit“ und einem Warten auf „Niemand-weiß-wirklich-was“. Für eine Neukonzeption europäischer Zukunft wünscht er sich, dass „jeder neue Versuch des trügerischen Ausweichens ins Kleine, politisch Harmlose und global Absichtslose von vorneherein blockiert wird.“(26)
Was er sich für Europa wünscht, falls es erwacht und damit seinen Dornröschenschlaf aufgibt um an den Wurzeln seines Mythos neue Kraft zu schöpfen, ist so motivierend wie furchteinflößend und erinnert an die Nelson Mandela Sentenz, dass der Mensch vor nichts so viel Angst hat, wie vor seiner eigenen Kraft:

„Falls Europa erwacht: werden sofort die Hilfskonstruktionen einer Vakuum-Ära (…)in Richtung auf ein realistisch und somit größer formatiertes Europa überschritten. Falls Europa erwacht: dann wird die absurde und lustlose Nachahmung der Vereinigten Staaten von Amerika durch die Vereinigten Staaten von Europa des Straßburg-Brüssel-Typus sich in kürzester Zeit erschöpfen (…). Falls Europa erwacht: Es würde das Kunststück vollbringen, die Vision, von der es getragen und angetrieben werden soll, in eigener Regie und in öffentlicher Debatte hervorzubringen (…) Quasi autohypnotisch hätten sich Europäer zu dem zu bewegen, was sie zu tun haben, wenn sie sich in Bewegung setzen. (…) Bei Europäern [ist] nahezu alles, was an Großem und Neuem zu unternehmen wäre, gegen eine historisch erworbene Skepsis durchzusetzen. (…)

Der Name Europa nennt eine Weltgegend, in der auf unverkennbar eigentümliche Weise nach der Wahrheit und nach der Güte des Lebens gefragt worden ist. Auch in modernen Zeiten werden Europäer nie ganz aufhören können zu glauben, dass ein Recht zum Erfolg auf Dauer nur dem Richtigen und Menschenwürdigen zukommt. (…) Erfolg wollen können heißt sich von einer Wahrheit bewegt wissen, die Depressionen standhält. (…)

Mit Recht hat man Europa die Mutter der Revolutionen genannt; eine tiefere Definition würde Europa als den Herd der Revolte gegen das menschliche Elend bezeichnen. Sobald Europa erwacht, kehren Wahrheitsfragen in die große Politik zurück. (…) Europas tiefster Gedanke ist, dass man der Verachtung widerstehen muss. (…) Durch jahrhundertelange Gewöhnung an imperiale Optionen für das blanke Unrecht wurden so viele europäische Völker für den Faschismus reif – und was ist der Faschismus anderes als der Aktivismus der Verachtung? Seine aktuelle Form ist der Kult des wahrheitslosen Erfolgs, der in eher unpolitischen Formen auch nach 1945 allenthalben virulent blieb.“ (53-59)

Die große Chance für Europa läge darin, die alte Reichsidee zu transformieren und die Übertragung auf ein Nicht-Reich zu vollziehen, welches eine „neue Union politischer Einheiten“ wäre, die nicht mehr von national-imperialen Impulsen der Verachtung geprägt wäre, sondern von „der Kunst, Worte zu schaffen, die an Bord der Wirklichkeit den Horizont aufzeigen.“ (60)
Diese Worterschaffungskunst zu erinnern, zu beschützen, zu pflegen, zu verbreiten und weiter zu erfinden ist auch Aufgabe integraler Kommunikation, ist integrale Kommunikation. Denn was hilft es, wenn die wunderbaren Möglichkeiten und Zeugungskräfte der Sprache immer nur das Terrain von wenigen sind, ein großer Teil der Bevölkerung aber bestenfalls mit so genannten Omnibusnachrichten, Nachrichten ohne Gehalt und Bedeutung, auf einem Niveau der Kritiklosigkeit gehalten wird?

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Montag, 18. Februar 2008

"Die Durchquerung des Aktuellen mittels der Geschichte"

Autor: Martin Sambauer

Buchtitel: Geschichte der Gouvernementalität
Autor: Michel Foucault
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004
2 Bände

Michel Foucault hat in einer Vorlesungsreihe in den Jahren 1978/79 am Collège de France vor einem atemlosen und dicht gedrängten Publikum die „Kunst des Regierens“ untersucht und dabei den Begriff der gouvernementalité entwickelt. Das Werk gilt als wegweisende Analyse der Regierungstechniken von der Antike über die christliche Pastoral bis zu den Regierungskonzepten der 1970er Jahre. Dabei klammert er den zehn Jahre nach seiner Vorlesung zusammenbrechenden Sowjet-Sozialismus bereits vollständig aus und konzentriert sich vielmehr auf den Gegensatz zwischen den beiden „großen Schulen des deutschen Ordoliberalismus und des amerikanischen Anarcho-Liberalismus“ (Michel Sennelart/Hrsg). weiter


Foucault: „Worauf sich [...] die Aufmerksamkeit im Falle dieses amerikanischen Neoliberalismus richtet, ist der Umstand, dass es sich um eine Bewegung handelt, die völlig dem entgegengesetzt ist, was man in der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland findet.“ Er weist anhand der Texte der ordoliberalen Vordenker nach, dass in Deutschland ein Rahmen errichtet wurde, „der den Zusammenhalt der Gemeinschaft“ gewährleisten und schließlich eine Kooperation zwischen den „natürlich verwurzelten und gesellschaftlich integrierten“ Menschen garantieren soll. Durch den Neoliberalismus der Chicagoer Schule dagegen dehnt sich das ökonomische Prinzip vollständig und radikal in alle Lebensbereiche aus, in dem Bestreben, die „ökonomische Form des Marktes zu verallgemeinern“. 

Man kann die vorausschauende Hellsichtigkeit des großen französischen Denkers nur bewundern, wenn man heute hilflos den marktradikalen Übergriffen der Bush-Administration im Irak oder in dessen eigenem Land im Zusammenhang mit der Flut-Katastrophe von New Orleans zusehen muss. Foucault weist bereits 1979 darauf hin, dass das Freiheitskonzept des amerikanischen Neoliberalismus’ darauf ausgerichtet ist, das Regierungshandeln auf ein denkbares Minimum zu reduzieren: „Hier kehrt man nun das Laissez-faire in eine Beschränkung des Regierungshandelns um, und zwar im Namen eines Marktgesetzes, das ermöglicht, jede Regierungshandlung einzuschätzen und zu bewerten. Das Laissez-faire wird somit umgekehrt, und der Markt ist nicht mehr ein Prinzip der Selbstbeschränkung der Regierung, sondern ein Prinzip, das man gegen sie wendet. Er ist eine Art ständiges ökonomisches Tribunal gegenüber der Regierung.“ Foucault schlägt vor, zur Überwindung solcher Entwicklungen neben den Texten von Adam Smith auch die seines Zeitgenossen Adam Ferguson zu rezipieren, der mit der „Abhandlung über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft“ die Richtung einer modernen gouvernementalité gewiesen hat. Mit diesem kurzen Blick in das zweibändige Werk, das in Deutschland erst 2004 erschienen ist, sind die sozialwissenschaftlichen und philosophischen Dimensionen von Foucaults Analysen noch gar nicht berührt. Seit der Vorlesungsreihe hat sich eine eigene „Governmentality-Literatur“ entwickelt, in der Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen den Spuren des Vordenkers folgen. Die Bedeutung des „innovativen Potentials“ der Gouvernementalitätsproblematik liegt „in den methodisch-theoretischen Prinzipien, der empirisch-forschungsstrategischen Ausrichtung und den politisch-kritischen Perspektiven dieser Analyseform“ (Thomas Lemke).

Wer als interessierter Zeitgenosse versucht, sich mit der Welt unserer Tage zu verständigen, kann mit Foucaults Vorlesung eine enorm spannende Zeitreise durch die Genese unserer Staatsgefüge machen. Zeugen seiner Auftritte meinen dazu: „Die Kunst Michel Foucaults bestand in der Durchquerung des Aktuellen mittels der Geschichte.“ Gerade aus deutscher Perspektive ist es interessant zu beobachten, wie der deutschlandkritische Franzose mit einer ungewollten Achtung das deutsche Modell der sozialen Marktwirtschaft als keimende Alternative zum amerikanischen Neoliberalismus beschreibt. In Anbetracht der widerstandslosen Vereinnahmung beinahe aller Weltmärkte durch den Chicagoer Ökonomismus in unseren Tagen werden dabei die Verantwortung und das Potential deutlich, welches wir Europäer haben, gemeinsam einen menschenwürdigen Staat für eine lebenswerte Zukunft zu entwickeln. Michel Foucault gibt uns mit „Geschichte der Gouvernementalität“ wichtige Analyse-Werkzeuge dazu in die Hand.

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Dienstag, 22. Januar 2008

"Monopol bei der Bildung der Hirne"

Autor: Martin Sambauer

Buchtitel: Über das Fernsehen
Autor: Pierre Bourdieu
edition suhrkamp, erste Auflage 1998

Begreift man den polemos als jene Auseinandersetzung, welche den Geist herausbildet, dann darf man die kleine Polemik, die der französische Soziologe Pierre Bourdieu 1996 gegen die offensichtlichen wie auch die versteckten, jedenfalls aber systematischen Unzulänglichkeiten des Fernsehens vortrug, ohne große ästhetische Formkritik genießen. Bezeichnenderweise hatte der sonst eher fernsehscheue Wissenschaftler seine Medienschelte als Vorlesung im Fernsehen gehalten und dabei füchsisch einige der damaligen Protagonisten der französischen TV-Landschaft attackiert. Da solche Medien ein bedauerlich autoreferenzielles System darstellen, hat er mit diesem kleinen Trick genau eines der wenigen Einfallstore in die zirkuläre Zirkulation, wie er dieses Phänomen nennt, genutzt, durch das man sich als Außenseiter überhaupt erst Zutritt zur autistischen Medienmaschine verschaffen kann. Die angegriffenen Personen schlugen öffentlich zurück, und damit erhielten Bourdieus Vorträge jenen Zündstoff, den sie brauchten, um als abgedruckter Text in die französischen Bestsellerlisten zu gelangen. weiter ...


Auch wenn uns der Wissenschaftler in „Über das Fernsehen“ nichts grundlegend Neues erzählt, so formuliert der leicht konsumierbare Text doch eine Basiskritik, die man nicht oft genug wiederholen kann, um in der Auseinandersetzung vielleicht irgendwann zu sinnvolleren Medienkonzepten zu gelangen. Er weist auf die Abhängigkeit der Medien und ihrer Gestalter von ihren Finanziers hin. „Es ist nicht belanglos zu wissen, dass NBC der General Electric gehört (was heißt, dass bei eventuellen Interviews mit Anrainern von Atomkraftwerken wahrscheinlich […] und übrigens würde niemand auf die Idee kommen ...), dass CBS Westinghouse gehört, dass ABC Disney gehört und TF1 Bouygues gehört, was über eine ganze Reihe von Vermittlungsschritten durchaus seine Folgen hat.“ Und diese Vermittlungsschritte führen ihn immer wieder zur Falle Einschaltquote, über welche die Logik des Kommerz auf die Kulturerzeugnisse durchschlägt.

Da sich seine Rede an Journalisten und das Publikum selbst richtet, wählt Bourdieu eine sehr klare Sprache, in der Hoffnung vielleicht zum Teil dazu beitragen zu können, die Dinge zu ändern. Mit Begriffen wie Omnibusmeldung als Bezeichnung für allgemeingültige (omnibus) Meldungen, bei denen es um nichts geht, die nicht spalten, die Konsens herstellen, die alle interessieren, aber so, dass sie nichts Wichtiges berühren, gibt er Dingen, die dringend zu ändern wären, einen Namen. Das Fernsehen hat eine Art faktisches Monopol bei der Bildung der Hirne eines Großteils der Menschen […] Legt das Fernsehen den Akzent auf die „Vermischten Meldungen“, so füllt es die Zeit mit Leere, mit nichts oder fast nichts und klammert relevante Informationen aus, über die der Staatsbürger zur Wahrnehmung seiner demokratischen Rechte verfügen sollte.

Dass diese demokratischen Rechte inzwischen der Logik der entfesselten und doch homogenisierten Medienkräfte gehorchen, verdeutlicht er folgendermaßen: „Wer heute noch glaubt, dass es ausreicht zu demonstrieren, ohne an das Fernsehen zu denken, läuft Gefahr, sein Ziel zu verfehlen: Demonstrationen müssen mehr und mehr für das Fernsehen produziert werden, also gestaltet werden, dass die Fernsehleute sich aufgrund ihrer Wahrnehmungskategorien dafür interessieren, sie aufgreifen, den Adressatenkreis erweitern und ihnen damit erst zur vollen Wirkung verhelfen.“

Die homogenisierende Logik der Einschaltquote ist die Logik eines Marktes, der paradoxerweise in den liberalen Credi immer so dargestellt wird als würde er Vielfalt erzeugen. In der Welt der Medien passiert genau das Gegenteil, obwohl eine der nobelsten Aufgaben der Medien doch der Zugang zu differenzierter Bildung und zur Erweiterung des Horizontes sein sollte. Bourdieu erinnert daran, „dass die Gründer der Französischen Republik im 19. Jahrhundert das Ziel der Schulbildung nicht nur darin sahen, dass man lesen, schreiben, rechnen lernt, um ein guter Arbeiter zu werden, sondern auch darin, dass man die Voraussetzungen erwirbt, ein guter Staatsbürger zu sein, die Gesetze zu verstehen, seine Rechte zu verstehen und zu verteidigen, gewerkschaftliche Vereinigungen ins Leben zu rufen […] Es gilt, an der Universalisierung der Zugangsbedingungen zum Universellen zu arbeiten. Und genau diese Aufgabe der Medien ist durch das heute wirksame System in Gefahr.“

Von den Medien gehen in der heutigen Form aber nicht nur Gefahren aus. Tatsächlich üben sie darüber hinaus eine besonders schädliche Form von Gewalt aus, die symbolische Gewalt. Die symbolische Gewalt ist eine Gewalt, die sich der stillschweigenden Komplizität derer bedient, die sie erleiden, und oft auch derjenigen, die sie ausüben, und zwar in dem Maße, in dem beide Seiten sich dessen nicht bewusst sind. Genau in der Bewusstmachung von Unbewusstem liegt der Wert dieses Büchleins. Alles, was Bourdieu sagt, scheint uns Aufgeklärten des dritten Jahrtausends längst bekannt zu sein. Aber wer formuliert es tatsächlich? Wer hat im Gespräch die richtigen Begrifflichkeiten dafür parat? Wer ist sich wirklich bewusst, nicht nur subbewusst? Wer erzählt es seinen Kindern und wer seinen Kollegen? Die Investition von ca. 8 Euro für eine unterhaltsame Zugfahrt in Begleitung eines der größten Soziologen des 20. Jahrhunderts rentiert sich unter dem Blickwinkel, dass man sein Denken um ein paar präzise Gedanken bereichert, die es einem ermöglichen, den täglichen Hieben der Medienmaschinerie, denen wir unausweichlich ausgesetzt zu sein scheinen, mit einer aufrechten Haltung zu begegnen.

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Montag, 21. Januar 2008

"Gestalte, was dich am Gestalten hindert!"

Autor: Martin Sambauer

Titel: Nachhaltigkeit in 50 Sekunden
Herausgeber: Irmela Bittencourt, Joachim Borner, Albert Heiser
Autoren: Daniel Arend, Linda Maria Barutzki, Anna Bilger, Irmela Bittencourt, Joachim Borner, Ephraim Broschkowski, Johannes Bünger, Veit Ebermann, Maik Eimertenbrink, Alber Heiser, Holger Köhler, Bianca Limbach, Pelle Markedahl-Larsen, Christian Molle, Edda Ostertag, Kristin Petersen, Sabrina Schneider, Patricia Schulte, Malte Stöck

In Kooperation mit dem Rat für nachhaltige Entwicklung
oekom verlag, München 2004

Wer Rezensionen oder den Klappentext von „Nachhaltigkeit in 50 Sekunden" liest, vermutet bei weitem keinen derart fundamentalen Ansatz hinter dem als Ideen- und Ratgeber für nachhaltige Filmgestaltung angekündigten Buch. Die ersten Seiten kommen noch in plauderndem Tonfall daher, so dass man zunächst versucht ist, der Einladung der Autoren zum „Querlesen" zu folgen - wäre da nicht ein unvermittelter Wechsel in Tonfall und Gedankenlage, von dem weg sich das Buch über weite Strecken den grundsätzlichen Anforderungen an Kommunikation widmet und damit eher eine intelligente Einladung zum Querdenken als zum Querlesen formuliert.
weiter ...

Die Autoren begeben sich unter dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit auf die Suche nach einer neuen Kommunikation und stellen im Bezug auf die Massenmedien schnell fest: „Sie bequatschen, sie informieren - im besten Falle. Sie überreden, sie verlocken, sie versprechen. Antworten kann ich ihnen nicht, und soll es auch gar nicht. Die Botschaft ist die Botschaft ist die Botschaft." Es ist für sie nicht mehr zu übersehen, dass wir ein gesellschaftliches „Kommunikationsproblem" haben. Über Niklas Luhmanns Feststellung, dass „Gesellschaft aus nichts anderem als Kommunikation" besteht, verdeutlichen sie: „Was nicht kommuniziert wird, existiert gesellschaftlich nicht. Dies hat Folgen - auch für ökologische Probleme: Sie werden von der Gesellschaft erst wahrgenommen und auch dann erst zum Problem, wenn sie kommuniziert werden."

Aber glücklicherweise verharren die Autoren nicht in der platten Forderung nach einer Abbildung der Umweltprobleme in massenmedialen Projektionen, sondern vollziehen folgerichtig auch den nächsten Schritt: „Wenn Kommunikation Gesellschaft konstituiert, dann sind für eine nachhaltige Gesellschaft nicht in erster Linie (fertige) Inhalte oder Botschaften bestimmend, sondern vielmehr solche Kommunikationsformen, in denen die inhaltlichen Gestaltungsvorgaben für Nachhaltige Entwicklung partizipativ entstehen können." Hermann Graf Hatzfeld bekräftigt als (ehemaliges) Mitglied des Rats für nachhaltige Entwicklung diese Haltung mit seinem Zitat: „Wird 'Kommunikation' nicht allzu stark auf die 'message' reduziert? Ist sie dann nicht eher Teil des Problems, denn Teil der Lösung für eine nachhaltige Entwicklung? Was nachhaltige Kommunikation eigentlich erfordert, ist die Besinnung auf alte Techniken des Austauschs: die gedankliche Klarheit, die es bedarf, um den anderen nicht mit Sprechblasen oder unleserlichen Folien zu belasten; die kreative Kraft, moderne Märchen als Zeugnisse der Zeitläufe zu formen; die Souveränität, sich in der Gemeinschaft von Wort und Gestik differenziert auszudrücken." In dieser Argumentationslinie der Autoren wird über eine Vielzahl von verfolgenswerten Literaturverweisen klargestellt: „Nur diejenige Form von Kommunikation ist nachhaltig, in der grundsätzliche Entwicklungsthemen durch partizipative Diskurse dauerhaft beraten werden." Sie unterschlagen dabei nicht, dass die dazu nötige Gestaltungskompetenz der Bürger immer wieder aufs Neue erworben werden muss bzw. kommunikatives Handeln ein lebenslanges Lernen zur Folge hat. Von dieser Gestaltungskompetenz kommen sie weiter zu einem Rechtsanspruch auf Beteiligung: „Gestaltungskompetenz umfasst auch das Recht der zivilgesellschaftlichen Organisation, der Wissenschaften, der Kultur und anderer, sich an der gesellschaftlichen Gestaltung - noch einmal: auf gleicher Augenhöhe! - zu beteiligen. Diesen Rechtsanspruch erwerben sie entweder selbst - oder sie bekommen ihn nie."

Beispielspot „Schulkind"


Die bedrohlichen Veränderungen, die wir derzeit in allen Makrosystemen beobachten können, „versetzen unsere Gesellschaft in den Status eines hochkomplexen Umbruchs, der die Notwendigkeit einer neuen Beteiligungskultur offenbar macht." Allerdings weisen sie auch eindeutig darauf hin, dass es noch eine Menge ordnungspolitischer und struktureller Hausaufgaben zu machen gibt, wenn man diesen Problemen adäquat begegnen will: „Die globalen Herausforderungen sind nur durch eine tiefgehende Änderung des gesellschaftlichen Kommunikationssystems zu lösen. Die derzeitigen politischen Rahmenbedingungen - nicht nur in Deutschland - bremsen diese Transformation. Denn die repräsentative Form unserer Demokratie verzögert partizipative Willenbildungsprozesse im Sinne einer 'Ethik der Lebensgestaltung'."

Die Autoren nehmen aber nicht nur die Politik in die Pflicht. Auch die besondere Verantwortung der Unternehmen kommt zur Sprache: „Ein Unternehmen, im Sinne von Wirtschaftskommunikation, will sicherlich in erster Linie „Bedürfnisse wecken" bzw. „Bedürfnisse befriedigen". Allerdings steht ein Unternehmen auch in „Wechselwirkung mit anthropologischen und ethischen Ansprüchen und Gesetzmäßigkeiten". Die gesellschaftliche Ausrichtung zum Unternehmensumfeld steht immer mehr im Blickwinkel der Öffentlichkeit. Gute Unternehmenskommunikation bzw. Wirtschaftskommunikation ist immer auch ein Austausch des Unternehmens mit seinen Stakeholdern."

„Nachhaltigkeit in 50 Sekunden" ist als Begleitbuch für ein Studienprojekt konzipiert, bei dem sich 30 Studierende und junge Medienschaffende über 18 Monate mit dem Themenkomplex „Kommunikation von Nachhaltigkeit" befasst haben. Konsequenterweise kommen die Autoren dabei zu der dringend notwendigen Umdrehung der Formulierung, nämlich zu „Nachhaltigkeit von Kommunikation", als Chance für unsere bedrohte Welt. Das Buch selbst beweist die These der Autoren, dass durch die drastische Selbstqualifizierung der Beteiligten eine echte Zukunftsorientierung möglich wird. Denn wer hätte von den jungen Leuten zunächst eine derart weit reichende und grundsätzliche Analyse erwartet?

Im letzten Drittel des Buches werden dann tatsächlich praktische Tipps zur Produktion von Filmen zur Nachhaltigkeit gegeben, wobei an einigen Stellen nicht ganz konsequent mit den vorher angestellten Überlegungen umgegangen wird. Die Autoren haben allerdings bereits einleitend darauf hingewiesen, dass ihr diskursives Thema nicht mit einem einzigen Blickwinkel abgehandelt werden kann und soll: Widersprüche sind erlaubt. Prinzipiell stehen die kommunizierenden Akteure der Nachhaltigkeit vor einem Dilemma zwischen diskursiver Partizipation und unilateraler Massenkommunikation, dessen Spannungsfelder in diesem Buch immer wieder hervorbrechen. Die Autoren versöhnen die Gegensätze mit dem Kommentar: „Was kann also die Massenkommunikation für die Nachhaltigkeitskommunikation bewirken? Sie kann zur Partizipation auffordern, provozieren und neugierig machen. Im Idealfall zeigt sie Handlungsoptionen auf und motiviert möglichst viele Menschen zur nachhaltigen Gestaltung ihrer Umwelt. [...] D.h. Nachhaltigkeitskommunikation muss sowohl den Einstieg - per Massenkommunikation - als auch den partizipativen Diskurs organisieren, also beide Kommunikationsformen verbinden." Nicht ganz nebenbei haben die Studierenden im Sinne dieses Ausspruches acht kleine Filme produziert, die das Thema Nachhaltigkeit in den Fokus rücken und auf die sich der Titel „Nachhaltigkeit in 50 Sekunden" bezieht.

Beispielspot „Bumerang"



Vor allem mit ihrem sehr fundierten und visionären Text haben die Autoren eindrucksvoll ihren Leitsatz „Gestalte, was dich am Gestalten hindert!" mit Leben erfüllt. Das Buch ist in Kooperation mit dem Rat für nachhaltige Entwicklung (www.nachhaltigkeitsrat.de) entstanden, der 2001 von Gerhard Schröder berufen wurde. Wenn alle Projekte des Gremiums derart visionäre Ergebnisse erzielen, dann freuen wir uns noch auf viele weitere. 

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Dienstag, 8. Januar 2008

„Die Zukunft gehört den Gespenstern“

Autor: Martin Sambauer

Buchtitel: Echographien – Fernsehgespräche
Gespräche über Fernsehen und neue Medien zwischen Jacques Derrida und Bernard Stiegler.
Autor: Jacques Derrida und Bernard Stiegler.

Derrida, der große Denker der Dekonstruktion, hat sich 1993 vor laufenden Kameras mit dem französischen Philosophen Bernard Stiegler über das Phänomen des Fernsehens und der Medien unterhalten. In einem, im Vergleich zu ihren Schriften, fast schon leichten Tonfall werfen die beiden einen grundsätzlichen Blick auf die medialen Prozesse der modernen Gesellschaft. Es ist für den Leser faszinierend zu verfolgen, wie das Gespräch virtuos zwischen philosophischer Abstraktion und lebensweltlicher Konkretisierung changiert. Derrida und Stiegler auf abstrakter Ebene zu folgen, ist eine Herausforderung. Wer noch nicht die Zeit gefunden hat, sich in die Gedankenwelt der zeitgenössischen französischen Philosophie einzulesen, dem geben diese Gespräche inspirierende Hinweise und legen eine Spur zu Heidegger, Husserl, Barthes, Baudrillard und natürlich zu ihrem eigenen Werk. weiter


Sie werden dabei immer wieder konkret und analysieren Fälle der jüngeren Fernsehgeschichte um gefälschte Interviews mit Fidel Castro oder die Berichterstattung des zweiten Golfkrieges. Entlang von Medienfälschung, Vorverurteilung, Einmischung und dem suggestiven „Live“-Begriff einer intentiösen Kriegsberichterstattung entfaltet Jacques Derrida seine Idee der „Artefaktualität“ - ein Mischwort, das auf das trügerische Verhältnis zwischen vermeintlicher Aktualität und ihrer künstlichen Genese verweist. In der Weiterführung des Gedankens entlarvt er den homogenisierenden und hegemonialen Imperativ des Marktes, den er treffend als „Homohegemonie“ bezeichnet. Dabei formuliert er für die Gestalter einer modernen Medienwelt immer wieder ethische Leitfragen: "Wie lässt sich der öffentliche Raum möglichst weit offen halten, ohne – ich würde nicht sagen: vom Markt, sondern – von einer bestimmten Bestimmung des Marktes als Ort der Profitmaximierung beherrscht zu werden?"

Das Gespräch wird sehr irritierend, als sie über jene Gespenster und Phantome sprechen, die durch die projektiven Medien geschaffen werden. Derrida schildert, wie er bei Filmaufnahmen für „Ghost Dance“ von Ken McMullen seiner Schauspielpartnerin Pascale Ogier improvisierend erklärt, dass Menschen durch Filmaufnahmen zu Gespenstern werden. Die einzige Anweisung des Regisseurs für diesen Dialog war, dass er in der Frage Derridas münden müsse: „Glauben Sie jetzt daran, an Phantome?“. Pascale Ogier antwortete daraufhin: „Ja, jetzt ja.“ Jahre später wurde Derrida von amerikanischen Studenten aufgefordert, sich den Film noch einmal anzusehen. Ogier war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben, und er beschreibt die unheimliche, gespenstische, entrückte Situation, wie er plötzlich in einem dunklen Kino auf der anderen Seite der Welt das Gesicht einer Toten vor sich sieht, die ihm in die Augen schaut und seine eigene Erklärung, dass man durch Kameraaufnahmen zum Gespenst würde, mit den Worten „Ja, jetzt ja.“ bestätigt. „Die Zukunft gehört den Gespenstern“, meint Derrida.



Mit dem Gespräch der beiden Philosophen wird klar, dass es im Bereich der massenmedialen Kommunikation noch unendlich viel zu denken gibt. Bernard Stiegler weist in Abgrenzung zwischen Fernsehen und Schrift darauf hin, "dass man nicht Leser von Büchern sein kann, ohne auf die eine oder andere Weise potentiell Schriftsteller zu sein: Es ist kaum vorstellbar, dass der Adressat des Buches es wirklich lesen könnte, ohne schreibkundig zu sein. Vielleicht wird er niemals schreiben, doch er liest, seitdem er mit dem Erwerb der Lesefähigkeit die Möglichkeit zu schreiben hat. Vor allem aus technischen Gründen erlauben es die audiovisuellen Medien und der Computer hingegen, dass ein Empfänger keinerlei Kompetenz mehr hinsichtlich der Genese – der Produktion dessen, was er empfängt – benötigt." Derrida konstatiert eine Art Analphabetismus des Publikums gegenüber dem Bild und die Notwendigkeit, zu einer neuen Grammatik zu finden. Es sind diese grundlegenden Betrachtungen, die für verantwortungsbewusste Akteure der massenmedialen Kommunikation Türen zu einem neuen, zu einem fundamentalen Denken öffnen, auch dann, wenn sie noch keine Experten der philosophischen Dekonstruktion sind.

Die BBC öffnet seit einigen Jahren ihre Archive für Recherche und Verwendung durch das Publikum, und auch in Deutschland sind die öffentlich-rechtlichen Anstalten im Begriff diesen Schritt zu vollziehen. Stiegler und Derrida diskutierten die Notwendigkeit dazu bereits 1993. Es kann in diesem kleinen Buchtipp keinesfalls gelingen, auch nur einen Bruchteil der Denkanstöße zu rekapitulieren, die durch den Diskurs der beiden Denker gegeben werden. Vielmehr ist es unsere Aufgabe, uns als kritische Öffentlichkeit und verantwortungsbewusste Mediengestalter diesen Anregungen zu stellen und sie in unserem eigenen Diskurs weiterzuentwickeln.

Gegen Ende des Gespräches widmen sie ihre Betrachtungen dem Erbe. Derrida: „Ich erbe etwas, das ich selbst weitergeben muss: Das mag schockieren, aber es gibt kein Eigentumsrecht auf das Erbe. Darin liegt das Paradox. Ich habe das Erbe immer nur zur Miete, in Verwahrung, ich bin sein Zeuge oder sein Inhaber, bei dem es Station macht ... Ich kann mir kein Erbe restlos aneignen. Angefangen mit der Sprache.“ Diese Sprache, die wir erben und an unsere Kinder weitergeben, wird in unseren Tagen durch die Massenkommunikation neu geprägt, ja sie wird mit der Massenkommunikation neu erfunden. Wir sollten uns anhand des Gespräches zwischen Stiegler und Derrida also bewusst machen, dass jeder Handlungsakt in diesem Bereich eine Veränderung der Zukunft darstellt und entsprechend sollten wir dafür sorgen, dass die Zukunft nicht ausschließlich den Gespenstern gehört, sondern ein wenig auch noch uns selbst.


Jacques Derrida und Bernard Stiegler
Echografien _ Fernsehgespräche
Passagen Verlag, 2006


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Freitag, 21. Dezember 2007

"Man ist nicht realistisch, wenn man keine Ideale hat"

Autor: Martin Sambauer

Buchtitel: Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie
Autor: Peter Ulrich

Als die Bundesrepublik Deutschland 1949 ihr neues Grundgesetz erhielt, wurde rechtlich der modernste Staat der Welt gegründet. Die ordoliberalen Konstrukteure dieser neuen Wirtschaftsordnung hatten hehre Ziele, die fernab vom Raubtierkapitalismus heutiger Prägung den Markt als Mittel sahen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen: ein menschliches und menschenwürdiges Leben. Prof. Peter Ulrich, der Inhaber des ersten Lehrstuhls für Wirtschaftsethik im deutschsprachigen Raum, wirft nach 50 Jahren Erfahrung mit diesem neuen Staat und unter dem Eindruck des modernen Wirtschafts- und Soziallebens einen messerscharfen Blick auf unsere Rahmenordnung und die verschiedenen ethisch-politischen Strömungen unserer Zeit. Dabei stellt er fest, dass das Denken der ordoliberalen Staatsgründer an einer bestimmten Stelle abriss und das individuelle Glück der Bürger ohne präzise Konzeption den schonungslosen Kräften eines zunehmend neoliberalen Marktgeschehens überließ. Andere wirtschaftsethische Entwürfe unserer Zeit reproduzieren diesen Reflexionsstopp und kommen deswegen zu keinen zielführenden Konzeptionen, sondern legitimieren den Status quo. weiter ...

Obwohl Ulrich das Buch bereits vor zehn Jahren schrieb, erweisen sich seine Analysen im Spiegel des heutigen Zeitgeschehens zunehmend als richtig und wichtig. Er geht den Wirkmechanismen des Marktes auf den Grund und kommt zu wesentlichen Notwendigkeiten unserer Zeit. Zusätzlich legt er eine visionäre Konzeption vor, wie man der gnadenlos zuschnappenden Ökonomismus-Falle entrinnen kann – eben durch eine integrative Wirtschaftsethik. Entlang der Vernunftkonzeption Kants und der weiterführenden Diskursethik Habermas' entwickelt Ulrich seine Leitideen einer neuen Geschäftsintegrität, republikanischer Mitverantwortung und deliberativer Unternehmenspolitik.
Wer das Buch aufmerksam liest, stellt fest, dass sich einige seiner Vorschläge zehn Jahre nach Veröffentlichung wie von selbst in der kritischen Öffentlichkeit entfalten. Allerdings sind diejenigen, die heute an den ordnungspolitischen Stellschrauben drehen, ziemlich unbeleckt von derartigen Ideen. Auch die Fachökonomen in den Konzernen folgen weiterhin dem wirtschaftsethisch vermeintlich bestens legitimierten Ruf nach Gewinnmaximierung, ohne die Vermittlung der unterschiedlichen Stakeholder-Interessen anzustreben.

Ulrichs Buch enthält allerdings derart grundlegende Ansätze, dass es langfristig unweigerlich seine Wirkung entfalten wird. Der zwanglose Zwang (Habermas/Ulrich) des besseren Arguments hat sich historisch bisher meist durchgesetzt, sofern es derart fundiert und nachhaltig vorgetragen wurde. Der ehemalige Rektor von St. Gallen Alois Riklin, der Ulrichs Lehrstuhl eingerichtet hat, schrieb: „Man ist nicht realistisch, wenn man keine Ideale hat.“ Diesem Wahlspruch seines Mentors entsprechend ruft Peter Ulrich dem Publikum aufklärerisch „sapere aude!“ (Wage zu denken!) zu und beschwört die heilende Kraft des Diskurses der mündigen Wirtschaftsbürger für Unternehmen und Gesellschaft. Eine wesentliche Aufgabe von Institutionen und Ordnungspolitik sei es, diesen Diskursen einen Entfaltungsraum zu geben. Ziel des Buches ist es, eine richtungsweisende Denklinie zu legen, anhand derer man eine Vernunftethik des Wirtschaftens bestimmen kann.
„Integrative Wirtschaftsethik“ ist ein philosophisches Fachbuch, dabei aber sehr verständlich geschrieben. Die Lektüre dieses Buches öffnet den Horizont hin zu einem neuen Denken, das wir für unsere Welt so dringend brauchen.

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