die 2. "Offene Integral" Veranstaltung
Im zweiten Offenen Integral am 17.06.2008 wurde über Kommunikation als "Sache des Volkes" - einem Text des Künstlers Jochen Gerz - und über entsprechende Aktionsformen gesprochen. Dieser Kurzbericht fasst die wesentlichen Gedanken zusammen.
"Ich glaube nicht nur wie Kant, dass jeder Mensch, sofern man ihn nicht mit allen Kräften auf seine Faulheit und Feigheit verpflichtet, mündig werden möchte, sondern auch, dass die Zukunft der Menschheit zu einem Zeitpunkt, an dem der von ihr bewohnte Planet durch ihre pharmaka vergiftet wird, nur über die Mündigkeit aller verläuft, über die kritische Mehrheit, die durch die Entwicklung der Verantwortlichkeit als einzig konkreter Form der Intelligenz politisch und ökonomisch mündig geworden ist."
Bernd Stiegler

Kommunikation als res publica. Die Fragen dazu könnten vielleicht heißen: Wie wird die öffentliche Kommunikation wieder zur Sache aller, zur gemeinsamen Sache? Und: Wie können wir mit den heutigen medientechnologischen Mitteln verantwortungsvoll und gemeinschaftlich Zukunft gestalten? Wie können wir die zur Verfügung stehenden Medientechnologien so nutzen, dass sie nicht vor allem Aufmerksamkeit und Zeit vernichten in einem Prozess sukzessiver Entmündigung ihrer Anwender, sondern sinnvoll zum gesellschaftlichen Entwicklungs- und Individuationsprozess beitragen?
Res publica heißt „die gemeinsame Sache", „die Sache des Volkes" und taucht erstmalig als römische res publica, als römische Republik auf den Plan. Das Gedeihen und Funktionieren der Republik, so schreibt Cicero in seiner Schrift „De re publica", sei vor allem vom Engagement und der Verantwortung des Einzelnen abhängig und der Einsatz für das Gemeinwesen müsse deswegen als erste Bürgerpflicht gesehen werden.
Man kann hier - vielleicht sogar ohne Übertreibung - behaupten, dass unsere heutige gelebte Demokratie dieser radikalen Bewusstmachung und Einforderung der gestaltenden Rolle des einzelnen Bürgers hinterherhinkt und - so wurde es in der Diskussion formuliert - eher von bloßen Einforderungen denn von engagierten Forderungen, Vorschlägen und Aktivitäten lebt.
Dass diese Aktivitäten zunächst einmal und hinreichend darin liegen, sich bewusst zu machen, dass auch der Genuss eines Cappuccinos im Cafe, das Sitzen und Reden oder Zeitung Lesen zur Gestaltung des Gemeinwesens beitragen, war auch ein wertvoller Diskussionsbeitrag, der Verantwortung nicht nur den großen Gesten unterstellte, sondern eben gerade auch den kleinen alltäglichen Verrichtungen und der nicht unbedeutenden Wirkung der „Art und Weise", wie sie verrichtet werden.
So gesehen stiftet sich die res publica aus den vielen kleinen und großen Gesten einer Bürgerschaft. Gerz schreibt in seinem Text dazu: "Kultur ist die umfassende neue Realität der Demokratie. Ich brauche nicht erst darauf hinzuweisen, dass die Demokratie nicht immer schon da war und dass es sie vielleicht noch nie wirklich gegeben hat. Wir müssen erst noch lernen, unsere eigene Präsenz in der Öffentlichkeit angemessen einzuschätzen."
Während der Zeit der großen europäischen Monarchien hat sich eine andere res publica herausgebildet, die eine Art informeller, aber höchst effizienter Zusammenschluss von Gelehrten, Wissenschaftlern, Bibliothekaren, Professoren, Historikern und Archivaren war. Dieser Zusammenschluss war bis in die Aufklärung hinein unter dem Namenres publica literaria bekannt und zeichnete sich durch eine sehr lebendige Informations- und Diskurspolitik aus, die nicht an Stände oder Nationalitäten gebunden war. Diese „Gelehrtenrepublik" betrieb bereits sehr früh, was Kant in seiner berühmten Forderung "sapere aude!" später für jeden einzelnen Bürger forderte: Wage dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
Als Erben der Aufklärung, der wir die öffentliche Erziehung und eine großflächige Alphabetisierung verdanken, sind wir durch das aktuelle Zeitgeschehen mit einer neuen Schwelle der Mündigkeit konfrontiert, deren Überschreitung allein es uns ermöglicht, am öffentlichen Diskurs nicht nur re-aktiv, sondern selbsttätig denkend und handelnd teilzunehmen.

Es ist dies eine Schwelle, die nicht durch eine neue Aufklärung, sondern vielmehr durch eine Aufklärung der Aufklärung überschritten werden kann, wie es Adorno und Horkheimer bereits in ihrer Dialektik der Aufklärung nahe legten. Wissenschaft und Moral dürften weder ideologische Ausdrucksformen eines pervertierten Willens zur Macht, noch Verkörperungen einer nur noch instrumentellen Vernunft sein.
Zur Kulturindustrie, in deren Vernunftpotential sie jeden Glauben verloren hatten, schreiben sie dann auch: Kunstwerke sind asketisch und schamlos, Kulturindustrie ist pornographisch und prüde. Auch diesen Hinweis auf Adorno/Horkheimer verdanken wir einem unserer Gäste.
Es scheint, als stünde eine neue Alphabetisierung oder Grammatisierung, ein neues Mündigwerden für die gesellschaftlichen Prozesse und deren Herausforderungen an, die sehr viel mit einem Hellsichtigwerden für die selektiven und manipulativen Psychotechnologien der Kultur- und Medienindustrien zu tun hat.
Bernard Stiegler schreibt dazu: "Wir befinden uns allerdings nicht im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus, sondern in dem der industriellen Demokratien. Es stellt sich weniger die Frage nach der Macht eines Despoten oder eines Oberhaupts eines säkularen, republikanischen und demokratischen Staats als vielmehr die Frage nach einer Psychomacht, die Psychotechnologien anwendet, welche keine Mystagogien (Einführungen in die Mysterien) entwickelt, weil sie die Macht der Mysterien durch die Macht der Triebe ersetzt haben."
"Macht der Mysterien" klingt zunächst ziemlich abgehoben, meint aber in diesem Zusammenhang wohl vor allem das Aufgehen von gemeinsamen Wahrnehmungsräumen, meint echte Begegnung, Mitteilung und ein aufmerksames Miteinander.
Der Künstler Jochen Gerz beschreibt in seinem Text über die Kulturstadt, der diesmal im Zentrum der Veranstaltung stand, genau dieses Mysterium des Lebendigwerden einer Stadt durch die Anteilnahme und Einbringung aller Bürger, für die er mehr Stimme und Artikulationsmöglichkeit für jeden Einzelnen fordert. Seine eigenen Projekte stellen immer Wahrnehmungsräume zur Verfügung, die individuell genutzt werden können und meist durch eine Frage zum Austausch und zum Dialog auffordern.
Gerz will Initiator und Katalysator eines Prozesses sein, seine eigene Autorschaft tritt hinter die Vielzahl der mittätigen Bürger/Autoren zurück. Seine Denk-mäler, wie das beschriebene "Mahnmal gegen Faschismus" in Hamburg-Haburg, werden erst durch ihren „Gebrauch", durch die Artikulation der Bürger lebendig und können dann auch wieder „verschwinden", weil sich ihre „Aussage" im Gedächtnis der vielen Menschen weiter trägt, die am Prozess beteiligt waren und weiterhin durch dessen Erzählung beteiligt werden. So gesehen war auch das offene Integral eine Weitergabe der Erzählung.
Das Außerordentliche an Gerz' Kunst liegt hier : mit einfachen Worten, wohl moralisierend, aber ohne didaktisch zu sein, vermag er bei höchster konzeptueller Schärfe und Intensität Menschen, die nicht über besondere Vorbedingungen verfügen, in einen Prozess einzubeziehen, der auch ihrem Denken Raum gibt. Sie haben dabei die Möglichkeit Widerstand und Dissens zu artikulieren. Dialog und Leben erweisen sich in Gerz' öffentlichen Arbeiten letztlich als Synonyme. (Andreas Hapkemeyer in: Jochen Gerz, Res publica)
In diesem Sinne warf auch sein Text vielfältige Fragen auf, die seine Sicht der Dinge teilweise auch kritisch beleuchteten. Ob es zum Beispiel möglich ist, ein System aus dem System heraus zu verändern, wie es Gerz' beschreibt oder ob nur ein Alternativsystem zu wirklich neuen Lösungen führt? Oder ob die weitgehende Aufhebung der Grenze zwischen öffentlichem und privatem Raum nicht eher Streit provoziert und gerade keine Demokratisierung der Stadt, da die Gesetzmäßigkeiten beider Sphären grundverschieden sind?
Es kam der Gedanke auf, dass für einen größeren öffentlichen Diskurs mehr Freiräume zur Verfügung stehen müssten, dass dafür aber auch jeder Einzelne verantwortlich ist im Sinne eines „Anfangens-bei-sich-selbst", selbst Kommunikationsräume zu schaffen, durchaus erst einmal vor allem in sich selbst, um überhaupt wieder wirklich hören und sprechen zu lernen.
Gerz' Forderung nach der Verantwortung jedes Einzelnen wurde als Verschwisterung mit der christlichen Idee der Allverantwortung in Frage gestellt, wodurch eine Diskussion darüber entstand, ob Verantwortung nicht weniger eine moralische Kategorie ist, als vielmehr eine Frage der Präsenz, der Vergegenwärtigung des eigenen Tuns und Seins. Cappuccinotrinken im Cafe ist demnach also tatsächlich ein Akt wunderbar gelebter bürgerschaftlicher Verantwortung. Natürlich aber wohl nur, indem man das auch so empfindet und wertschätzt.
Schließlich ging es auch um das Thema Kultur und Arbeit und wie die Barriere zwischen beiden aufzuheben wäre. Kann man Arbeit von Geld entkoppeln? Was wird wert geschätzt? Und: Wann wird etwas wertgeschätzt?
Die Veranstaltung wurde gut angenommen und das nächste Offene Integral findet voraussichtlich Ende Juli statt.
Hier noch ein Link zu einer Partnerseite mit weiteren Bildern:
http://www.netzwerk-gemeinsinn.net/content/view/406/45/






