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Diskurs

Montag, 7. April 2008

Vor dem Urknall

Autor: Thorsten Timm

Wie entstand unser Universum? Naja, durch einen Urknall! Und der Urknall? Ist die gemeinsame Erschaffung von Raum, Zeit und Materie aus einer Anfangssingularität, sagt mein Physiker. Und die Anfangssingularität? Da stockt er, das ließe sich mit unserer Physik nicht mehr beschreiben, sie wäre dann das Nichts. Oder Gott, je nach Geschmack. Leichter als mit der Vorstellung des Nichts oder eines Mannes mit Bart tue ich mich in diesem Zusammenhang dann aber mit der Vorstellung, dass vor dem Urknall ein anderes Universum existierte.
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Eines, das nichts mit dem unseren zu tun hatte – was dann wiederum die Vermutung nahelegt , dass auch wir wieder mit einem Urknall enden und durch ein neues Universum ersetzt werden. Universum folgt so auf Universum, auf Universum … Wenn dem aber so ist, wäre auch leicht vorstellbar, dass es parallel zu unserem Universum weitere Universen gibt. Sogenannte Paralleluniversen, die völlig unabhängig von dem unseren existieren.

Ich möchte mich heute um den Nachweis eines solchen Paralleluniversums bemühen. Zu diesem Zweck bediene ich mich einer vor 82 Jahren von Herrn Kenjiro Takayanagi entworfenen Apparatur namens Fernseher, die mir den Blick in solche Universen ermöglicht. Nimmt man das Gerät im rechten Moment in Betrieb, gibt es den Blick frei auf eine Rotte leicht bekleideter Damen, die bei Winterwetter in Kölns Fußgängerzone auf High Heels über ein Stück billiger, roter Auslegeware (die in unserem Universum ca. €2,90 den Quadratmeter kosten dürfte) stöckeln. Belohnt wird der Auftritt tags drauf mit der völlig unbekleideten Abbildung einer der Damen auf einer Boulevard-Titelseite. Zu anderen Zeitpunkten weinen pubertierende Mädchen bitterlich in die Kamera, weil der Ex-Keyborder eines Ex-Sternchens, das sich mit dem Verbleib einer größeren Menge Luftballons beschäftigt hatte, ihnen eröffnet hatte, dass sie in Zukunft nicht mehr nach seiner sonderbaren Pfeife tanzen müssten. Motivation für all das scheint zu sein, Jahre später in einem Container oder Dschungelcamp aufzutauchen, um sich wiederum beschimpfen und erniedrigen zu lassen.

Wie ich darauf komme, dass es sich um ein Paralleluniversum handelt? Rufen wir uns die Eigenschaften eines Universums nochmals ins Gedächtnis: Es ist völlig selbstreferenziert, funktional abgeschlossen, selbsterhaltend und hat somit keinerlei Einfluss auf ein anderes Universum (es sei denn, man bedient sich einer braunschen Röhre zur Beobachtung). Nun, irgendwann wird auch dieses das Schicksal aller Universen ereilen und durch einen Urknall endgültig abgeschaltet. Um sodann, jedenfalls wenn man der Theorie von Douglas Adams Glauben schenkt, durch etwas noch viel Bizarreres ersetzt zu werden. Noch bizarrer? Das wiederum ist wahrlich schwer vorstellbar.

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Samstag, 26. Januar 2008

„Eine perfekte Welt“ - Werbespott

Autor: Thorsten Timm

Eine endlose Wäscheleine spannt sich durch meine Erinnerung, an der sich weiße Laken im Wind blähen. Oder Tischdecken, an denen morgen die Festgesellschaft sitzt, um den Abschluss einer Lebensversicherung zu feiern. Nur Herr Kaiser wird nicht da sein, der ist schon wieder in anderen Reihenhaussiedlungen unterwegs. Dafür kommt Tante Helene, die immer die gute Krönung in der Tasche hat, weil Mutters Kaffee nicht schmeckt. weiter ...

Immerhin sieht Mutti besser aus, sie badet auch regelmäßig ihre Hände in Spülmittel. Ja, man muss offen für Neues sein. Deshalb fahren wir auch gerne in Urlaub. Mit unserer Versicherungskarte sind wir immer in guten Händen, auch wenn Vati mal wieder mit dem Auto in einen Gemüsestand rast. Die Italiener können ganz schön ungemütlich werden, aber dank der Allianz gab’s die breitgefahrenen Tomaten dann über die Spaghetti. Das war ein Fest.

Herrje, ist das lange her. Die Welt ist viel komplizierter geworden seitdem. Inzwischen hab ich selbst Familie. Jetzt ist das Leben nicht mehr so leichtfüßig, schließlich trägt man eine ganz andere Verantwortung. Man kann nicht mehr einfach in den Tag hinein leben. Meine Kinder sollen es ja mal besser haben. Da ist Weitsicht gefragt.

Bin gerade auf dem Weg vom Briefkasten mit meinem Tuareg ein bisschen durch den Wald gebraust. Ich genieß die Freude am Fahren, besonders wenn die Dieselwolken vor die sengende Sonne ziehen und so etwas Schatten spenden. Ja, so vor Weihnachten benutze ich die altmodische, gelbe Post, um Weihnachtskarten an die Tanten und Schwiegereltern zu verschicken. Sentimentale Traditionen. Die fünf kitschigen Musterkarten der mund- und fußmalenden Künstler reichen genau für die Verwandtschaft und kosten nichts. Meine mutierten Töchter hüpfen im Wohnzimmer Gummitwist. Sie haben dem Nachbarsjungen die Haut abgezogen und daraus einen Gummi geknüpft – kreative Mädchen! Ich mag das platschende Geräusch, das ihre Körper auf dem Tropenholzparkett machen. Meine Frau hat sie schon mit Toffifee und süßem Tee gefüttert. Wo ist sie eigentlich? Ach so, sie lässt sich ja freitags immer die Titten vergrößern, damit ich am Wochenende was Neues zum Spielen hab. Na ja, jetzt zum Ausspannen erst mal ab in die Ladestation. Ich bin ein Sony.

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Donnerstag, 24. Januar 2008

Library-Replicator

Autor: Thorsten Timm

Auf der Suche nach einem Bücherregal, man liest jetzt ja mehr, sieht nicht mehr so viel fern, was zwangsweise zur Anschaffung weiterer Regalflächen führt, will man seine Bücher nicht auf dem Boden stapeln, aber das steht nur echten Literaten zu, dieses wilde Stapelchaos und eigentlich auch nur in verqualmten Arbeitszimmern. In durchschnittlich zivilisierten Haushalten werden Bücher fein säuberlich in Regale gestellt. Das sieht dann ja auch recht gemütlich aus und verströmt viel eher den Charme des Bildungsbürgertums als ein großer Flachbildfernseher. Auf meiner Suche nach einem Bücherregal also stieß ich im Internet auf eine sehr interessante Software
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Unter dem Suchwort „Bücherwand“ fand ich den –Library Replicator–. Dies ist ein kleines Tool für Fernsehredakteure. Die stehen täglich vor der Herausforderung, für ihren Bericht noch den O-Ton eines Experten einzufangen, weil das dem Beitrag mehr Glaubwürdigkeit und Leben verleiht als irgendwelche beliebigen Archivbilder. Nun sind echte Experten aber rar und im Zweifel teuer und sagen nicht unbedingt das, was der Autor gerne möchte. Bei der händeringenden Suche nach einem Menschen, der mindestens einen zusammenhängenden Satz sagen kann und wenigstens entfernt mit dem Thema zu tun hat, muss er sich auch noch darauf konzentrieren, eine passende Bibliothek zu finden, vor der man das Opfer ablichten kann. Hier hilft die kleine, praktische Software enorm. Anhand einiger Parameter generiert sie das Bild einer Bücherwand. An einem Stellrad lässt sich der Anteil der halbledernen Bücherrücken bestimmen, verschiedene Fachgebiete auswählen und einzelne Titel eingeben. Das so entstandene Bild wird anschließend im Video-Schnitt hinter den vor einem blauen Stück Stoff aufgezeichneten Experten montiert. Inzwischen ist mir auch klar, warum der gute Helmut Schmidt in Interviews immer wie ein Schlot raucht. Hinter den diffusen Qualmwolken lässt sich nämlich der Hintergrund nicht so leicht verändern. Mit seinen Rauchschwaden demonstriert er also: „Ich bin einer vom alten Schlag, ich habe keine Tricks nötig.“ Wie, Sie haben noch nie darauf geachtet, welche Bücher bei diesen Interviews im Hintergrund stehen? Sie werden doch nicht gebannt den Worten des Experten gelauscht haben? Aber auch das wird sich bald ändern, ist doch auf der Website des Herstellers der „Expert Replicator“ bereits angekündigt. In der Version 0.7 lässt sich dann mit ein paar Klicks aus Arztkittel, Nickelbrille und Co. ein passender Experte generieren, der dann auch ohne langes Briefing einfach den Text sagt, den der Redakteur hören will. Bleiben wir also doch besser dabei, wieder mehr zu lesen und so seriös unser Wissen und unsere Bücherregale zu füllen. Wobei ... Welche Book-Replikator generiert eigentlich die ganzen Bücher?

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